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Full text of "Zur Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts: Von Winckelmann bis zu Wackenroder"

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PALAESTRA. 



Untersuchungen und Texte aus der deutschen 

und enghschen Philologie. 



Herausgegeben 



von 



Alois Brandt und Ericli Sclimidt. 



Zur Kunstanschauung des XVIII. Jahrhunderts. 
Von Winckehnann bis zu Wackenroder. 

Von Helene Stöcker. 



BERi.lN. 
MAYER Z. MÜLLER. 

1904. 



PALAESTRA XXVI. 



Zur 



Kunstanschauung 



des 



XVIII. Jahrhunderts. 



Von Winckelmann bis zu Wackenroder. 



Von 



Helene Stöcker. 









BERLIN. 
MAYER Z^ MÜLLER. 

1904. 



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119684 



Herrn Emil Werckmeister und Frau 

in dankbarer Ergebenheit gewicUiKit. 



Vorwort. 



ihe vorliegende Arbeit: „Zur Kunstanschauung des 
18.Jahrhunderts",istin den Jahren 1899—1901 geschrieben. 
Mein ursprüngliches Ziel war eine Monographie über 
Wackenroder, die den Einfluss der von ihm zuerst ver- 
kündeten Kunst-anschauungen und -gefühle auf die Romantik 
darlegen sollte. Während der Sammlung des Materials 
kam ich auf Veranlassung meines damaligen Lehrers, Herrn 
Prof. Dr. Oskar Walzel in Bern, zu einer eingehenderen 
Betrachtung der Kunstanschauungen vor der Romantik. 
Dadurch wurde der ursprüngliche Arbeitsplan so erweitert, 
dass ich nach dem Abschluss des ersten Teiles, der den 
Untertitel trägt: „Von Winkelmann bis Wackenroder", 
diesen ersten Teil als Dissertation vorlogen konnte. Leider 
nahmen mich nach bestandenem Examen Arbeiten anderer 
Art in einem Masse in Anspruch, dass ich bisher noch 
nicht zur Fertigstellung des II. und III. Teils: „Wacken- 
roders Leben und Wirken" und „Sein Einfluss auf die 
Romantik", gelangte, obwohl das Material längst vorliegt. 
Auch die Drucklegung dieses selbständigen ersten Teils 
hat sich länger verzögert, als ich wünschte. Schuld daran 
war auch das letzte Kapitel, das sich mit dem „Interesse 
für Musik" im 18. Jahrhundert beschäftigt. Ich hoffte 
immer, aus angekündigten Neuerscheinunngen noch wert- 
volle Aufschlüsse für dieses äusserst unergiebige Gebiet 
zu erhalten. Aber wie mir berufene Vertreter der Musik- 
wissenschaft, Herr Prof. Dr. Max Friedlaender - Berlin, 
Herr Prof. Dr. Oskar Bie u. a., bestätigten, ist dieses 



VIII 

Grenzgebiet bisher überhaupt sehr kümmerlich bearbeitet 
worden. Don litterarhistorisch Gescliulten fehlt meist die 
musikalische Einsicht und* die musiktheoretische Schulung 
und den Musikalischen die litterarhistorische Bildujig. Ich 
niuss mich daher im letzten Kapitel mit ein paar Streif- 
lichtern begnügen. 

Zum Schluss möchte ich nicht versäumen, allen, die 
mich bei meiner Arbeit gefördert haben, aufs herzlichste 
zu danken. Vor allem bin ich den Herren Prof. Dr. 
Oskar Walzel-Bern und Prof. Dr. Erich Schmidt-Berlin 
zu grossem Dank verpllichtet. 

Für einzelne Nachweise habe ich den Herren Prof. Dr. 
Sulzer-Gebing-München, Prof. Dr. Max Friedlaender-Berlin, 
Prof. Dr. Oskar Bie-Berlin, Dr. Albert Kopfermann, Kgl. 
Oberbibliothekar, Berlin zu danken, ausserdem den Kgl. 
Bibliotheken in Berlin und Dresden, vor allem aber der Hof- 
bibliothek in München für die freundliche Unterstützung, 
die sie mir bei meiner Arbeit zuteil werden liessen. 



Berlin-Wilmersdorf, ^ Helene Stöcker 

Februar 1901. 



Einleitnng. 



In demselben Jahre, in dem der edle Träumer Carstens 
in Rom starb, für den die Kunst in Wahrheit eine religiöse 
Liebe und eine geliebte Religion gewesen war, in demselben 
Jahre 1797 erschienen in Berlin die „Herzensergiessungen 
eines kunstliebenden Klosterbruders" von Wackenroder. 

Dieses Jahr 1797 ist wie ein Wendepunkt in der 
künstlerischen und ästhetischen Entwicklung unserer Kultur. 
Es ist die Zeit, in der Goethe mit Heinrich Meyer die 
Herausgabe der „Propyläen" vorbereitet, die ins Heiligtum') 
antiker Kunst zurückführen sollten. Schiller hat soeben 
seine Anschauungen in den ästhetischen Schriften nieder- 
gelegt, die auch ihn fast zu einer Religion der Kunst 
geführt hatten. Friedrich Schlegel stellt in Reichardts 
„Lyceum" die Kunstansichten Georg Forsters dar und 
giebt seinen Aufsatz über das „Studium der griechischen 
Poesie" heraus, der, vor Schillers Abhandlungen ent- 
standen, das Wesen der antiken und modernen Kunst fein 
charakterisierte, während sein Bruder Wilhelm die Herder- 
schen Übersetzungen des katholischen Neulateiners Bälde 
pries. 

Und nun kommen die „Herzensergiessungen" Wacken- 
roders, in denen das künstlerische Programm der Ro- 
mantik zum erstenmal in echt romantischer Form aus- 
gesprochen ist. Hier finden wir zuerst alles das bei- 
sammen, was das eigentliche Wesen der Romantik 
ausmacht: die Betonung des subjektiven Gefühls gegen- 
über dem Verstand, der Freiheit gegenüber der Regel, 

Palaestra XXVJ. 1 



der Toleranz gegenüber dem System — die Hinneigung zu 
mittelalterlicher Kunst, Religion und Dichtung — die Be- 
tonung des nationalen Momentes, — die mit der Abwendung 
vom Plastischen verbundene Neigung zum Musikalischen 
— und endlich, wie das aus Anschauungen, die dem 
Gefühl den Vorrang geben, so leicht erklärlich ist, die 
Verwischung der Grenzen, nicht nur zwischen den ein- 
zelnen Künsten, sondern auch zwischen Kunst und Religion. 
Von allem diesem findet sich die erste Spur in dem 
kleinen fein gedruckten, elegant ausgestatteten Buch vom 
Jahre 1797, das ohne Verfassernamen mit dem Titel: 
„Herzensergiessungen eines kunstliebenden Klosterbruders" 
erschien. Dies zierliche Buch ist wirklich, wie Brandes 
sagt, gleichsam die „Urzelle der Romantik". ') Seine Keim- 
fähigkeit habe sich als bewundernswürdig stark erwiesen, 
so wenig es selbst das Erzeugnis einer energischen Schöpfer- 
kraft sei. Lauter epheuartig rankende Stimmungen, lauter 
passive Eindrücke, aber in so klarem und reinem Wachse 
abgedrückt, dass das Gepräge kräftig und bestimmt ge- 
worden sei. „Herzensergiessungen", ein Strom inniger und 
religiöser Begeisterung für die Kunst — im schlichtesten 
Stil mit wenigen, einfachen Ideen geschrieben, ohne Theorie 
und Ästhetik. Das Buch sei also nicht das Produkt eines 
grossen oder bedeutenden Geistes. 

Aber es hat doch mehr wahrhaft eigene Töne als alle 
Werke Tiecks zusammen genommen. 

Das einzig wahre Verhältnis zur Kunst ist ihm die 
Andacht, und die grossen Künstler sind für ihn auserwählte 
und gottbegnadete Heilige. Seine Bewunderung ihnen 
gegenüber ist die eines anbetenden Kindes.*^) Man kann 
die „Herzensergiessungen" Wackenroders nicht verstehen, 
wenn man sich nicht ganz in jene Zeit versetzt, in 
der durch die Aufklärung die Religion so sehr ge- 
sunken war, dass die nach tieferem Gehalt sich sehnenden 



*) Brandes: Hauptströmungen d. Litt. d. 19. Jahrh. II, 103 f. 
2) Brandes: Hauptströmungen II, 104. 



— 3 — 

Gemüter sich in den wunderlichsten Experimenten bewegten, 
um eine „neue Kirche zu stiften".') Für die Deutschen 
wurde die Kunst das neue Evangelium. Winckelmann und 
Herder, Goethe und Heinse hatten diese Kunstbegeisterung 
allmählich heraufbeschworen; aber zum Kultus des Antiken, 
zur Andacht für die Skulptur (man denke nur an Goethes 
ersten Besuch des Dresdener Kabinets) gesellte sich 
nun die Begeisterung für das Mittelalter, die von der Be- 
schäftigung mit der Poesie des Mittelalters auch — durch 
Wackenroders Bemühungen — auf die bildende Kunst 
überging. 

Wackenroder war einer der ersten, der für die Kunst 
des Mittelalters in dieser Weise erglühte. Es war die 
Freude eines kindlichen Gemütes, da Geist und Leben zu 
finden, wo der damaligen Ansicht zufolge, nur Barbarei, 
Aberglaube und Unwissenheit geherrscht hatte. Man kann 
Wackenroders Kunstanschauungen aber auch nicht ver- 
stehen, wenn man sich nicht klarmacht, dass nicht nur die 
ReUgion, sondern auch die bildende Kunst selbst so tief 
gesunken war, dass Carstens 1792 darüber sogar aus Rom 
berichten musste: 

„Kein einziges Gemälde ist mir zu Gesicht gekommen, 
worin nur eine Spur zu sehen, dass sein Verfasser je die 
unsterblichen Werke von Raffael und Michel Angelo ge- 
sehen hätte. Gedankenlosere Malereien sind mir noch 
nicht vorgekommen. Es scheint diesen Künstlern nie 
eingefallen zu sein, dass die Kunst eine Sprache der 
Empfindung ist, die da anhebt, wo der Ausdruck mit 
Worten aufhört. Alles Mechanische der Kunst verstehen 
diese Männer sehr gut, und es scheint, als ständen sie in 
der Meinung, dass die Kunst darin bestände. Die alten, 
wahrhaft grossen Meister wandten allen Fleiss auf die 
Hauptsache und behandelten die Nebensache so, dass sie 
ersterer nicht schadeten. Die Franzosen waren noch bei 



1) Karl Rosenkranz: L. Tieck und die romant. Schule, Hall. 
Jahrb. 1838, S. 1251. 

1* 



— 4 — 

weitem die besten — mit den deutschen Malern sieht es 
hier elend aus."') 

Noch trauriger aber womöglich sah es in Deutschland, 
sah es in Berlin selbst um den Betrieb der Kunst aus. 
CSiodowiecki, der 1797 Direktor der Berliner Akademie 
wurde, und in dem ein wenig vom Geist Dürers lebte, war 
vielleicht der Einzige, den man einen Künstler nennen 
durfte. Aber er blieb auf das Gebiet der Buchillustration 
upd der sittenbildlichen Schilderung beschränkt. Der leiden- 
schaftliche Ruf der Stürmer und Dränger nach Natur hatte 
in der Malerei kein Echo gefunden; denn selbst da, wo 
Dichtung und Malerei sich berührten, wie in Friedrich 
Müller, kam es schliesslich nur zu Ergebnissen, die Spuk- 
gestalten aus der Welt Michel Angclos glichen.-) 

In der That spielten Akademien und Gallerien bei 
den meisten deutschen Künstlern des 18. Jahrhunderts die 
Hauptrolle. 

So wurden zwar Talente gofördei-t und ausgebildet, 
aber selbständige Genies konnten die Akademien und 
Gallerien natürlich nicht schaffen.'*) Die „Nachahmung" 
als die eigentliche Thätigkeit des Künstlers erschien so 
selbstverständlich, dass selbst Winckelmann nur an die 
S(;elle moderner Figuren die alten Griechen setzte. Nacli- 
al;imer waren daher auch fast alle deutschen Maler dieses 
Zeitraums. Das Ergebnis war, von wenigen Ausnahmen 
abgesehen, eine allgemeine Charakterlosigkeit der Auf- 
fassung, der Zeichnung und Färbung, mit der jedoch in 
manchen Fällen noch eine gute Technik verbunden war. 

Die Kunst war in der That eine Dienerin der Mode 
geworden, wie Wackenroder klagt; sie diente ausschliess- 
lich dem höfischen Luxus und dessen Nachahmung in den 
Kreisen der besseren Gesellschaft. Man schätzte sich 
glücklich, wenn französische Maler als Lehrmeister nach 



J) Riegel: Ges.h. des Wiederaufblühens d. deutsch. Kunst. 
Hannover 1876, S. 80. 

2) Janitschek: Gesch. der Malerei 1889, S. 586. 

3) Woltmann-Woermann: Gesch. der Malerei III, 1184 f. 



Deutschland kamen, wie etwa Louis Silvestre nach Dresden, 
Antoine Pesne nach Berlin.') An Technik überragten sie 
die deutschen; aber auch die Dietrich und Oeser, Tisch- 
bein und Graff standen im Vergleich zu ihren Leistungen 
in übertriebenen Ehren. 

Da man den tieferen Geist der Kunst verloren hatte, 
konnte ein redlicheres Talent bei der Darstellung ernsterer 
Vorwürfe nur in Vorzügen äusserer Art seinen Leistungen 
einen Wert zu erringen suchen. 

Der damalige Direktor der Gallerie, Puhlmann, hält 
in seiner „Beschreibung der Bildergallerie zu Berlin 1790" 
Adrian van der Werff für einen der grössten Maler seiner 
Zeit, Veroneses „Hochzeit zu Kana" ist ihm der „Triumph 
der Malerei", während er Dürers harten, gothischen Ge- 
schmack tadelt. In Le Sueur dagegen sieht er den fran- 
zösischen Raphael, weil er beständig nach der Antike 
arbeitete. 

Bei diesen Zuständen ist es kein Wunder, wenn 
ein Mensch mit so hoher, ehrfürchtiger Kunstliebe wie 
Wackenroder sich von solchem Betrieb der Kunst aufs 
entschiedenste abwendete. Es ist seiner Meinung nach 
nicht damit gethan, „die Hand in gelenkiger Führung 
des Pinsels zu üben". 2) „Die eigentliche innere Seele 
der Kunst fassen nur einzelne ausgewählte Geister auf 
einmal, mag auch schon die Führung des Pinsels noch so 
mangelhaft sein. Alle die Aussenwerke der Kunst hingegen 
werden nach und nach durch Erfindung, Uebung und Nach- 
denken zur Vollkommenheit gebracht".-') 

Die innere Verwandtschaft zwischen dem Maler, der 
sich zum Märtyrer seiner Kunst machte, zwischen Carstens 
und dem jungen Kunstbegeisterten, den der Zwiespalt 
zwischen seiner hohen Liebe zur Kunst und dem auf- 
gezwungenen Beruf aufrieb, zeigt sich auch in dem, was 



1) Riegel: Gesch. des Wiederaufblühens der deutschen Kunst 
1S76, S. 15 f. 

2) Herzensergiessungen 1797, S. 36. 
•^) Herzensergiessungen 1797, S. 72 f. 



— 6 — 

sie beide gemeinsam verurteilen. Es klingt, als ob Carstens 
es geschrieben hätte, wenn Wackenroder dann fortfährt: 
„Die Neueren scheinen garnicht zu wollen, dass man ernst- 
haft an dem, was sie uns vorstellen, Teil nehmen solle. 
Sie arbeiten für vornehme Herren, welche von der Kunst 
nicht gerührt, sondern aufs Höchste geblendet und gekitzelt 
sein wollen. Sie bestreben sich, ihr Gemälde zu einem 
Probestück von recht vielen lieblichen und täuschenden 
Farben zu machen; sie prüfen ihren Witz in Ausstreuung 
des Lichtes und Schattens, aber dieMenschenfiguren scheinen 
öfters blos um der Farben und um des Lichtes willen, 
wahrlich, ich möchte sagen, als ein notwendiges Übel im 
Bilde zu stehen.** So scharf er mit Carstens die Mängel 
der Kunst seiner Zeit erkannte, so prägnant er sie aus- 
zudrücken wusste, so durchschaute er nicht minder scharf 
den Grund dieser Thatsache. 

Es ist in der That, wie Veit Valentin mit Recht sagt^), 
als ob er sich gegen Winckelmann wendete, der, noch ganz 
im akademischen Geiste befangen, für die Künstler den 
Weg, selber gross zu werden, nur in der Nachahmung fand. 

Wackenroder aber glaubte nicht daran, dass der Weg 
zur Grösse durch die Nachahmung der Griechen gehe — 
er sagte: „Die besten späteren Meister, bis auf die neuesten 
Zeiten, haben fast alle kein anderes Ziel gehabt als irgend 
einen der ersten Ur- und Normalkünstler, oder auch gar 
mehrere zusammen, nachzuahmen, und sind auch nicht leicht 
auf andere Weise gross geworden. Selbst der hohe und 
wohlverdiente Ruhm der Reformatorschule der Carracci ist 
auf kein anderes Verdienst gegründet. Aber wen ahmten 
die alten Meister selber nach? Sie schöpften die ganze 
neue Herrlichkeit aus sich selber!"^) So ist er fest über- 
zeugt: „Keinen höheren, der Anbetung würdigeren Gegen- 



*) Herzensergiessungen 1797, S. 115. 

2) Veit Valentin: Dohme, Kunst und Künstler des 19. Jahr- 



hunderts. Leipzig 1882. I, 32. 

J ••) Herzensergiessungen 1797, S. 177 f. 



stand in der Welt der Künstler giebt es als ein ursprünglich 
Original!" 

Das war das Entscheidende, womit er über Winckel- 
mann hinausgang und die Parole für eine neue Künst- 
en twicklung ausgab. 

So fromm begeistert hatte bis dahin das Evangelium 
der Kunst noch niemand gepredigt. 

Oder wenigstens seit Winckelmann nicht. Denn wer 
wollte diesem im echt platonischen Sinne Begeisterten die 
intensivste Kunstfrömmigkeit absprechen? Beruht doch 
eben darin sein Wesen und seine Wirkung. 

Aber dieselbe Andacht, die Winckelmann allein den 
götthchen Gestalten der Antike entgegenbrachte, während 
die moderne Kunst und Malerei für ihn so gut wie nicht 
vorhanden war — den einzigen Raphael Mengs etwa aus- 
genommen — dieselbe Andacht hatte Wackenroder nicht 
nur für die himmlische Schönheit Raphaels, sondern auch 
für die herbe, charakteristische Kunst Dürers und der alt- 
deutschen Schule. 

Wir glauben heute nicht mehr daran, dass Pallas Athene 
kampfgerüstet aus dem Haupt des Zeus entspringe — wir 
suchen bei jeder Erscheinung nach den verschiedenen Ein- 
flüssen, die sie bestimmt haben, nach den einzelnen Strö- 
mungen, aus denen sie zu einer neuen Einheit zusammen- 
geflossen ist. 

Und wenn wir nun kritisch prüfend den Blick rück- 
wärts wenden, um die Linie zu verfolgen, die von Wacken- 
roders Manifest der romantischen Kunst zurückführt zu 
WinckelmannsunbedingterApotheose der klassischen, antiken 
Kunst, so werden wir manche einzelne Spur finden, die 
sich schon als eine Opposition gegen die absolute Gültig- 
keit der Antike erweist. Ihre Macht wurde freilich erst 
durch den Siegeszug der Romantik wirklich gebrochen, die 
ein germanisch -christliches Mittelalter dem griechisch- 
heidnischen Altertum an die Seite stellte und damit 
dem deutschen Woson zu seinem vollen Ausdi-uck vcM'lialf. 



— 8 — 

Fünf Hauptströmungen lassen sich als eigentlich 
„romantische" in den ^Herzensergiessungen" und „Phan- 
tasien" nachweisen, die freilich, jede für sich betrachtet, 
auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schon ihre 
Vorläufer hatten, die aber in dieser Zusammensetzung 
doch erst bei Wackenroder auftreten. 

Es ist, um es noch einmal festzustellen, die Verherr- 
lichung des Gefühls gegenüber dem Verstand, die tolerante 
. historische Kunstbetrachtung gegenüber der streng klassi- 
/ sehen, die aus dem Interesse für christliche Kunst iliessende 
Verschmelzung von Kunst und Religion, die Liebe zum 
deutschen Mittelalter und endlich das intime Verständniss 
für Musik und für Musikalisches, auch in der Dichtung. 

Unsere Aufgabe wird es sein, zu untersuchen, wie weit 
diese Strömungen in das 18. Jahrhundert zurückreichen; 
in welchem Grade romantische Kunstanschauungen, deren 
frühester Repräsentant Wackenroder ist, auch im rationa- 
listischen 18. Jahrhundert schon sich durchzusetzen ver- 
suchen. Dass unsere Betrachtung daher den Titel trägt: 
„Von Winckelmann bis Wackenroder" bedarf einer 
Persönlichkeit wie der Winckelmanns gegenüber wohl 
keiner besonderen Rechtfertigung. 



GefühlsströniuDB. 



I 



Durch die ganze zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts 
geht der Zug nach stärkerer Betonung der subjektiven 
Gefühle und ihrer Rechte. "Wie eich von Rousseau aus 
diese StrÖmunj^ auf eine Reihe unserer bedeutendsten 
Geister, besonders auf Herder und den jungen Goethe 
überträgt, kann hier nur kurz erörtert werden. Aber auch 
schon in Klopstock war — ohne Rousseauschen Einfluss — 
diese Stimmung erwacht, und es ist sehr bezeichnend, dass 
Wackenroder diese Verwandtschaft fUhlt. Noch bis 1793 
hat er eine grosse Verehrung für ihn bewahrt, so dass er 
sich auf der Bückreise von Göttingen in die Heimat in 
Hamburg nicht versagen kann, den grossen Dichter persön- 
lich aufzusuchen — eine Bekanntschaft, die ihn freilich 
sehr enttäuscht.') 

Schon in Winckelnfiann selbst war eine Tendenz zur 
stärkeren Betonung des Gefühls gegenüber dem Verstand.', 
Man hatte, wie Justi sagt*), auch die Gebiete des geistigen) 
Lehens, wo nichts zn zählen und zu messen war, mit 
kurzsichtigen Versuchen der deduktiven Methode belästigt 
und die Reaktion, die allen Systemgeist verbannt wissen 
wollte, war nur zu natürlich. 

Auch Winckelmann konnte sich dem nicht entziehen, 
abgesehen davon, dass ihn seine eigene hohe Kunst- 
begeisterung oft über die Schranken des einseitigen Systems ' 

') Eine fthnlithe Vorliebe fiir Klopstock findet sich in .Jugend- 
briefen Friedrich Schlegels an seinen Bruder Wilhelm, 
■^ JiisH. Winckelmann. 2. Aufl. 1, Sfi. 



,— ^ 



— 10 — 

hinausführen musste. Als er daran ging, eine Theorie 
des Schönen aufzustellen, da vermochte er in den „Pro- 
portionen" nur eine Vorbedingung der Schönheit zu finden, 
da sie ihrem Wesen nach der Zahl und dem Mass nicht 
unterworfen sei. Die Mathematik betrachtete er mit stei- 
gender Abneigung; er erklärte sich für unfähig, „mit der 
Modewissenschaft, die in Hexenstichen aus Zahlen be- 
stehe, sich abzugeben, da er sie nicht schätzen könne." 
Er erkannte deutlich, dass nichts mehr von der Natur 
entfernt als ein Lehrgebäude und eine strenge Folge nach 
demselben, dass die Natur unter Regeln, Sätzen und Vor- 
schriften sich verliert und unkenntlich wird. Das alles 
macht ihn für uns zu einem Bundesgenossen des Kloster- 
bruders, dem ja sogar Aberglaube erträglicher schien als 
Systemglaube. 
n Auch in seiner Kunstgeschichte giebt Winckelmann, 
< j nach Herders Wort, mehr eine „historische Metaphysik des 
U Schönen" als eigentliche Geschichte.^) Er ist mehr von 
Plato inspiriert als von Herodot. Er fand sich, wie Justi 
es ausdrückt 2), sympathisch berührt durch Piatos hohe 
Worte vom „Ewigschönen und dessen Abglanz in der Er- 
scheinung." Nichts habe er sehnlicher gewünscht, als dass 
es ihm gelingen möge, das Wesen der Schönheit zu er- 
gründen, die Antwort zu geben, die Piatos philosophische 
Muse in ihren wundersamsten Eingebungen nur in Bildern 
mitgetheilt hatte, in Bildern freilich, die Jahrtausende ihm 
nachzudenken und nachzuträumen suchten. Winckelmann 
war sich ebenso klar wie Wackenroder: „Das Schöne liegt 
über unsern Verstand hinaus"; und „wenn auch das Schöne 
in allgemeinen Begriffen bestimmt werden könnte, so würden 
sie dem, dem vom Himmel das Gefühl versagt ist, nicht 
helfen." 

Mit den Jahren gelangte er immer mehr zu der An- 
sicht, dass es in der Natur schönere Gestalten gebe als 



1) 1. Krit. Wäldchen S. 12. 

2) Justi, Winckelmann III, 179. 



— 11 — 

in der Kunst, wie ihm seine eigenen Beobachtungen und 
Erfahrungen in Italien zeigten. Trotzdem war es ein un- 
abweisbares Bedürfnis seiner Natur, in der Kunst höhere 
Gestalten anzuschauen und zu verehren. Auch er suchte, 
wie Wackenroder, im Kunstwerk „Nahrung für Schwärmerei". 
Ja, der Heide Winckelmann, der um der Kunst willen zum 
Katholicismus tibergetreten war, kommt doch schliesslich 
zu einem Mysticismus, wie ihn schon Plato gehabt hatte: 
die Betrachtung der von Gott ausfliessenden und zu Gott 
zurückkehrenden Schönheit führt auch ihn zu dem Satz: 
„Die höchste Schönheit ist in Gott."') 

Der kunstbegeisterte Jüngling Wackenroder sieht dann 
später in Kunst und Natur zwei Offenbarungen der Gott- 
heit, zwei Ströme, die von ihr ausgehen und zu ihr, als 
ihrem höchsten Ursprung, wieder zurückkehren. 

Winckelmann selbst sucht den Wert seines Hauptwerkes, 
seiner „Kunstgeschichte", nicht etwa in der Belesenheit, 
die den Lesern seiner Zeit, vor allem Lessing, so imponirte, 
sondern in der Empfindung, dem Kunstsinn, den er dazu 
mitbrachte. 

Auch Winckelmann hat schon, wie die Romantiker 
später, über die Verbrauchtheit der Stoffe und die Leerheit 
der Gemälde geklagt. Das Heilmittel, das er vorschlägt, 
ist die Allegorie, wie es für Wackenroder und Friedrich 
Schlegel später das Heilmittel war. Er fasste freilich den 
Begriff so weit, dass auch die Mythologie mit eingeschlossen 
ist. „Die ganze Mythologie war ein Gewebe von Allegorien." ^) 
Er war sich allerdings vollkommen klar darüber, dass die 
Allegorie als natürliche Form des Menschengeistes der Ver- 
gangenheit angehöre."') „Unsere Zeiten sind nicht mehr 
allegorisch wie das Altertum, wo die Allegorie auf die 
Religion gebaut und mit ihr verknüpft war". So will er 
denn beim Altertum Anleihen machen, während Wacken- 



1) Justi, Winckelmann 111, 188. 

2) Justi, Winckelmann 1, 366. 
'^) Justi, Winckelmann I, 286 f. 



— 12 — 

roder auf das Mittelalter zurückging und Friedrich Schlegel 
gar eine neue Mythologie schaffen wolltet) 

Eine seltsame Übereinstimmung in Bezug auf die Ein- 
seitigkeit ihres künstlerischen Sinnes lässt sich bei diesen 
sonst so wesensverschiedenen Kunstaposteln wahrnehmen. 
Beide hatten im Grunde nur Sinn für eine der bildenden 
Künste und wirkten vielleicht gerade durch diese Einseitigkeit 
so stark. Winckelmann meinte, wenn er von Kunst sprach, 
im Grunde nur die Plastik; für Colorit, Beleuchtung, Hand- 
lung und Composition, kurz, für das eigentlich Malerische 
hatte er wenig Sinn. Das Moderne und gar das Christ- 
liche in der Kunst blieb ihm ein verschlossenes Buch, wie 
schon A. W. Schlegel feststellte.^) Er hat weder Michel 
Angelo, noch Correggio verstanden, und an Raphael (dessen 
„Sixtina" das einzige Werk christlicher Kunst ist, von dem 
wir eine Schilderung Winckelmanns besitzen) liebte er nur 
„den Anklang an die Linieneleganz und die massvolle 
Ruhe der Alten." Sein Biograph Justi meinte daher, das 
Kapitel über Malerei wäre besser fortgeblieben. Wacken- 
roder dagegen dachte eigentlich nur an die Malerei, viel- 
leicht auch an die Baukunst. War Winckelmanns Ver- 
dienst, „Gefühl und Verständniss des Schönen gewahrt und 
geschichtlich begründet zu haben," so hat seine Theorie 
von der „Nachahmung der Griechen" nur eine bildende 
Kunst von halbem, schattenhaftem Leben hervorzubringen 
vermocht; Thorwaldsen und Carstens etwa ausgenommen. 
Wackenroders kindlich gläubiges Stammeln dagegen, so 
sehr es an geistiger Bedeutung hinter Winckelmanns Werk 
zurücksteht, hat auf die bildende Kunst ungleich belebender 
und erfrischender gewirkt. Auch in dem müden Eklekticis- 
mus eines Chr. L. Hagedorn, der 1762 seine: „Betrach- 
tungen über die Malerei" veröffentlichte, steckt, wie Justi 
sehr fein hervorgehoben hat % ein starkes Gefühlsmoment. 

1) Siehe auch Herders Idee einer Mythologie: Haym I, 163 f. 

2) Schriften der Goethe-Gesellschaft 13, LIV; W. Schlegels Werke 
IV, 323 ff. 

'^) Justi, Winckelmann I, H28 f. 



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— 13 — 

Mochte er auch einerseits als der Vorläufer der Periode 
der Renaissance des Altertums erscheinen, andererseits ist 
er doch deutlich beherrscht von dem Gefühl des unauf- 
löslichen Zusammenhanges der Kunst mit Volkstum und 
persönlichem Leben. Er suchte viel weniger Vollkommenheit 
der Form als Empfindung. Er betrachtet die Malerei, 
wie man kurz darnach auch die Poesie zu betrachten 
begann: als Mittel zur Bildung des Herzens, der feinen 
Empfindungsfähigkeit, als Hilfe gegen die Verknöcherung 
und Unwahrheit, die über allen Lebensverhältnissen lag. 
Ihm ist der Künstler nicht nur in der ersten Begeisterung 
ein Dichter und hernach ein Handwerker, seine Begeisterung 
muss bis zuletzt ausdauern. „Nur der wird künstlerisch 
Grosses zu schaffen vermögen, der einen mit seiner Ge- 
fühlsart übereinstimmenden Gegenstand malt". 

Hagedorn bedeutete in der That, wenn auch in weniger 
grandioser Art, für die „Betrachtung der. Malerei", was 
Herder zuerst für die Betrachtung der Litteratur wurde, 
und was mit Wackenroder dann von neuem für die bildende 
Kunst erstand. 

In Hagedorns edler, friedfertiger, humaner Persön- 
lichkeit wurzeln seine Verdienste und Schwächen. Hage- 
dorn hatte schon die freundliche Weitherzigkeit, die auch 
den verstecktesten Rest von Verdienst liebevoll aufsucht^), 
jeder Manier Gerechtigkeit widerfahren lässt, jedes Werk 
nur an sich selbst misst und nur vor dem ausschliessenden 
Geschmack eine Abneigung hat. Auch in ihm war schon 
das Misstrauen gegen den Geist des Systems, wie es viel 
stärker von Wackenroder formuliert wurde. Auch auf 
anderem Gebiete werden wir ihm noch als Vorläufer 
Wackenroders begegnen. 

Wenn der Begründer der Ästhetik, Baumgarten, wie 
J. A. Schlegel 1759 bemerkt, schon die Entdeckung vorweg 
genommen hat, um derentwillen er Batteux übertragen 
und mit einem Commentar versehen hat, — die Entdeckung 



i) Justi, Wiiickelmann I, 331 . 



— 14 — 

nämlich, dass die Kunst der sinnliche Ausdruck der innern 
Empfindung sein müsse, so war es doch erst Hamann, 
der diesen Satz, der ursprünglich nur für die Poesie galt, 
auch auf die bildende Kunst ausdehnte. ^) 

Hamann stellte der ruhigen Verständigkeit, wie sie 
etwa in Hagedorns „Betrachtungen über die Malerei" vor- 
lag, das Recht der schöpferischen Persönlichkeit, die „Herz- 
wärme der Willkür" entgegen. Sein heissblütiges Tempera- 
ment bäumte sich gegen Anschauungen auf, deren einziger 
Grundsatz die Grundsatzlosigkeit zu sein schien.^) 

Für ihn giebt allein die Leidenschaft „Abstraktionen 
sowohl als Hypothesen Hände, Füsse, Flügel — Bildern 
und Zeichen Geist, Leben und Zunge". Er ist auch ein Vor- 
läufer des romantischen Subjektivismus wenn er „Willkür" 
und „Phantasie" preist und das kühne Wort: „Wer Will- 
kür und Phantasie den schönen Künsten entziehen will, 
stellt ihrer Ehre und ihrem Leben als ein Meuchelmörder 
nach" stammt nicht etwa von Friedrich Schlegel, sondern 
von Hamann. 

An die Stelle der sanfteren Klopstockschen „Em- 
pfindung" trat durch ihn die laute Begeisterung für Natur, 
Genie, Originalität. Er hat mit dem Aussprechen des Ge- 
dankens von dem Recht der Willkür und der freien 
Phantasie den Bann gebrochen, der noch auf aller Kunst- 
anschauung lag. Dass die Kunst der sinnliche Ausdruck 
der innern Empfindung, dass ihre Wahrheit eine subjektive 
sei, ist von ihm zuerst mit aller Überzeugungsglut des 
Gläubigen verfochten worden.*) 

Auch Youngs Buch: „Gedanken über die Original- 
werke" (1760) hat diese Strömungen wieder mächtig ent- 
fesselt. 

Es hat vor allem auch auf Herder gewirkt. 

Keiner ist wohl für die romantische Gefühlsbetonung 
von stärkerer Vorbildlichkeit als Herder, obwohl nie direkt 



*) „Leser und Kunstrichter" 1762. 

2) Volbehr, Goethe und die bildende Kunst. 1895. S. 90 f. 

8) Volbehr S. 96 f. 



15 



G 
^^B Her 



I von ihm in den erhaltenen Briefen Wackenroders die Rede 

list. Aber Wackenroders Lelirer Kocb weist in seinem 

I Compendium der Litteratur auf keinen andern so stetig 

und immerwährend wie auf diesen grössten Vorläufer der 

Romantik überhaupt. 

Auch bei Herder ist von der moralischen Wirkung der 

Kunst die Rede — aber nicht nur sie gilt ihm als Zweck 

^der Kunst: Die, Mittheilung starker Gefühle ist es, in- 

■dem der Dichter uns durch seine „moralische Magie" in 

' das„Labyrinthder Affekte" führt — die„Heraufbeschwörung 

der Mimik der Leidenschaften" im Herzen der Menschen 

und eben dadurch das kräftigere Innewerden, der lebhaftere 

Genuss des Daseins.'} 

Im vierten kritischen Wäldchen, das gegen Riedels 

„Theorie der schönen Künste" gerichtet ist, zeigt sich 

[ Herder vor allem als Schüler Hamanns. Er eifert dagegen, 

i man die Schönheit aus Büchern lerne: ,,Er (Riedel 

iprieht über die Grazie aus Winckelmann, und über die 

Ijiaivetät aus Moses und über die Schönheit aus Baumgarten 

- von keinem aus der Natur". 

In die trockene Zergliederung Mendelsohns wirft er 
Sätze hinein, dass Leidenschaft und Eniphnduog sinnlich 
dargestellt, das A und aller Poesie sei.-J Wahre Poesie 
ist eben eine Kraft der Natur, Sprache der Sinne, der 

P Leidenschaft, der Einbilduugskraft.') 
In der „Plastik'" zeigt er, dasa die Hogarthsche Schön- 
iieitslinie nichts sei ohne Bezug auf ein dem Gefühl sich 
ankündigendes Leben. Allem leeren Formalismus in der 
Kunst, als der Wurzel aller übrigen Veiirrungen, erklärt 

Iar den Krieg. 
Und nun Goethe! Die „praktische Ästhetik", die 
der junge Goethe vom Jahre 1771 an bis in die ersten 
Jahre seines Weimarer Aufenthaltes vertritt, deckt sich 
in ihren wesentlichen Grundzügen mit den Anschauungen 



1) Üessoir, K. Ph. Moritz als Ästhetiker. 1689. S. 6. 
s) Haym, Herder 1, 155. 
3) Haym 11, 106. 



— 16 — 

Hamanns und Herders. Als der grttsste Sohn seiner 
Epoche hat er auch am stärksten ihre Wirkung auf sich 
erfahren und in seinen Werken unvergängliche Zeugnisse 
jenes Geflihlskultus geschafifen. Wie er im „Werther" 
ganz Romantiker ist, so ist er es auch in den Kunst- 
theorien jener Zeit. Die Empfindung, das, was aus der 
Seele quillt, ist ihm die Mutter der Künste. Nicht was 
der Künstler darstellt — sondern wie, das giebt der 
Sache den Ausschlag. Nur eins wird verlangt: dass das 
künstlerische Schaffen Sache des Herzens sei. „Was der 
Künstler nicht geliebt hat, nicht liebt, soll er nicht schildern, 
kann er nicht schildern."*) 

Über die innigen Zusammenhänge zwischen „Glauben 
und Genie", zwischen geflihlsstarkem Pietismus und pro- 
metheischer Originalität hat noch vor kurzem Berthold 
Hoenig in einer Studie über „Glaube und Genie in Goethes 
Jugend" 2) gehandelt. Wie die Mystik des Mittelalters der 
Reformation voranging, bereitete der Pietismus den Boden 
für die Geniezeit und die Romantik. Die befreite Inner- 
lichkeit steigert sich zuletzt bis zu schrankenloser Sub- 
jektivität; ein Freiheitsrausch ergreift das aus Fesseln 
erlöste Gefühl. Wie Hamann, als der Vater des Sturmes 
und Dranges, der auf seinen Genius horchte, zugleich 
bibelgläubiger Christ war, so auch Lavater, der wie der 
junge Goethe mit Shakespeare, Christus und Johannes 
befreundet war. Wenn Spener in seinen „pia desideria" 
verlangte, dass die wahre Andacht aus dem inneren 
Menschen fliessen müsse, so strömten in der Geniezeit 
alle edlen Gefühle, wie der junge Fritz Stolberg rief, 
aus einer Quelle, der höchsten menschlichen Gabe, die 
zugleich eine göttliche ist: aus der Fülle des Herzens. 
J. G. Schlossers „Skizze der Moral" erklärt: „Der Stempel 
des Genies liegt im Innern Menschen." Lavater (Phys. 



1) Weimar, Ausg. XXX VII, 321 (Falconet). 

3) Forschungen zur neueren Litteraturgesch. Pest^. f. R. Heinzel, 
1898 S. 206 f. 211. 



17 



, 165. 223) hält es für ausgemacht, Liebe sei die Seele 
|der Kirnst. 

Das Grosse des Pietismus lag ja in dem ganzen un- 
igeteilten Gefühl als solchem ohne Rücksicht auf 
■ Beinen Inhalt — und es war nur folgerichtig, wenn dann 
r der grosse Religiöse der Romantik, wenn Schleiermacher, 
der auch aus dem Pietismus hervorgegangen war, die 
ReügioD selbst als dies ungeteilte Gefühl definierte. Die 
einmal geweckte Innerlichkeit förderte immer reicheren 
Inhalt zutage: der ersten und stärksten ungeteilten 
Empfindung, der religiösen, folgten andere nach: Gefühle 
der Kunst, des Vaterlandes, der Freundschaft und Liebe, der 
schaffenden Natur. Lavatera Drang nach Totalität, 
Hamanns Grundprincip, dass alles, was der Mensch zu 
leisten unternehme, aus sämmtlichen vereinigten Kräften 
entspringen müsse, und das Verlangen des Sturmes und 
Dranges, das Grunderfordernis des Dichters sei das „ganz 
von einer Empfindung volle Herz" — das ist alles aus 
derselben Quelle entsprungen wie Wackenroders lieber- 
zeugiing; dass „Kunst die Blume menschlicher Empfindung 
' und dass es „keinen höheren, der Anbetung würdigeren 
I Gegenstand in der "Welt der Künstler gebe als ein ur- 
iBprünglich Original." 

Noch K. von(galber3 sprach es 1791 in seinen „Grund- 
|. Sätzen der Ästhetik" aus: ,,Di e Vollkommenheit der We rke 
[ des Künstlers hängt von der Stärke ^sein es Gefühls a b." 
"Ä'iich W iliieliii HeTnse, Ben man viel zu einseitig nur 
\ als Schilderer bacchantischen Sinnentaun^els fasst und dessen 
Verdienste um die Kunstanschauungen Emil Sulger-Gebing 
vor kurzem in einer feinsinnigen Studie ') über seine Ge- 
mäldebriefe dargestellt hat, auch Heinse kam es in erster 
Linie auf Empfindung an. Von ihm als einem der 
echtesten Stürmer und Dräoger gilt das Goetbische: 
„Gefühl ist alles!" „Schwärmen für das Schöne macht 

i| Ztschr. f. vgl. Litteraturgeach. Xll, 1898, S. 338 f. Dazu nun 
K D. Jeasan: Heinses Stellung zur bildenden Kunst und ihrer Ästhetik. 
Disfi, Berlin 1901 (Palaeatra XXI). 

Fkluatr» XXVL 2 



— 18 — 

allein zum glücklichen Menschen" ^). Er glaubt nicht daran, 
dass ein Mensch an einem Werk der Kunst etwas empfinden 
könne, wenn er nicht schon etwas Gleiches in der Natur 
oder für sich empfunden habe. Ja, kein Mensch empfinde 
ein Werk der Natur so wahr, wie der, welcher es gemacht 
habe. Und noch mehr: er glaubt, dass es alle Menschen 
sonders empfinden und dass der Qenuss davon immer im 
Verhältniss zu ihrem Leben stehe „Die Phantasie kann 
nicht eher ins Herz regnen, als bis der Verstand aus Herz 
und Sinn Wolken gezogen hat." Das höchste Leben in 
(Jer Kunst darzustellen vermag nur der grosse Mensch 
— und das Hauptvergntigen an einem Kunstwerk macht 
ihm am Ende immer das Herz und der Geist des Künstlers 
selbst und nicht die dargestellten Sachen"^). 

Hier ist auch noch einer zu nennen, der seiner Natur 
und seinen Schicksalen nach die Vermittlung zwischen 
Klassik und Romantik bildet, der Freund Goethes und 
der Lehrer Wackenroders : Karl Philipp Moritz. Aus 
pietistisch-mystischen Kreisen hervorgegangen, war er im Ver- 
kehr mit Mendelssohn auch von den Aufklärungstendenzen 
nicht unbeeinflusst geblieben. Aber seine Abhandlung „Über 
die bildende Nachahmung des Schönen", die zum Teil in 
Rom während des Zusammenseins mit Goethe entstand, 
zeigt doch deutlich genug, wie er über die Aufklärung, 
.besonders auch in künstlerischen Fragen, hinausging. Mit 
Leibniz und Baumgarten stellte Mendelssohn dem Denken 
ü^ls. dem Vermögen der klaren Erkenntnis das Empfinden, 
also auch das künstlerische, als ein niederes Vermögen 
gegenüber. An Baumgarten anknüpfend, definierte Mendels- 
sohn das Schöne aJs^sinnlich erkannte Vollkommenheit," aber 
als eine niedere Vollkommenheit, die sich zu der höheren des 
Denkens etwa verhalte wie die irdische Venus zur himm- 
lischen^). Moritz thut den Schritt darüber hinaus: er stellt 



1) Heinse, S. S., hrsg. v. H. Laube 1888 Vlll, 151. 210. 

2) Heinse, S. S. II, 81. 

3) Deutsch. Litt.-Denkmale 21, XV. 



— 19 — 

das Schöne als gleichberechtigt neben das Wahre und Gute. 
„Das Kunstwerk ist um seiner selbst willen da"! „Djas 
Schöne muss empfunden werden". „Nur das versteht 
man wahrhalt gut auszudrücken oder darzustellen, was 
man wahrhaft empfindet. Und was empfindet man wahr- 
haft?" Das, was man wirklich ist'). „Schön ist das, was 
mit meinem Wesen übereinstimmt." Moritz ist es gewesen, 
der seiner Zeit in einer ersten Kritik die Welt neuer 
Anschauungen und Gefühle, die Goethe im ,.Werther" 
der Poesie erschloss, im vollsten, dichterischen Sinne ge- 
würdigt hatte-). Werther und Götz, die beiden romantisch- 
sten Dichtungen Goethes, blieben zeitlebens seine Lieblinge. 

Hettner hat Moritz seiner phantastischen Gefühls- 
schwelgerei wegen mit Jung-Stilling verglichen; und ihre 
Anfänge in pietistischer Selbstbespiegelung sind freilich die 
gleichen. Aber Dessoir thut sicher recht, wenn er zugleich 
an Rousseau erinnert, während er die Einwirkung von 
Shaftesbury, Winckelmann und vor allem von Herder auf 
die Bildung seiner ästhetischen Anschauungen betont*). 

Karl Philipp Moritz führt uns dann herüber zu dem 
Künstler, der für die Malerei zum ersten Mal wieder die 
Empfindung über die Technik gestellt, mit dem Moritz 
selbst während dessen Berliner Aufenthaltes in vertrautem 
Verkehr gestanden hatte: zu Jacob Asmus Carstens. Von 
den Gesprächen, die Moritz und Carstens beim Durchstöbern 
der Lippertschen und Stoschischen Gemmen-Sammlungen 
geführt haben mögen, ist uns leider nichts erhalten*). Aber 
wie Carstens die in äusserer Fertigkeit verödete Kunst 
seiner Zeit ansah, das ist bereits an anderer Stelle mit 
seinen eigenen Worten zum Ausdruck gelangt — und so 
soll hier nur noch einmal daran erinnert werden, dass auch 
für ihn die Kunst eine Sache der Empfindung ist. 



1) Italien u. Deutschi. 1789 S. 13. 

2) W. Alexis: Prutz, Litter.-hist. Taschenbuch 1847 S. 9 f. 

3) Dessoir, K. Ph. Moritz S. 2. 

4) Dessoir, S. 52. 

2* 



— 20 — 

Dürfen wir in der kurzen Spanne Zeit von der Mitte 
des Jahrhunderts ab bis zum Erscheinen der „Herzens- 
ergiessungen'' so manche Vertreter der Gefiihlsästhetik an 
uns vorüberziehen lassen, so ist natürlich diese Gefühls- 
betonung je nach der Persönlichkeit verschieden gefärbt. 
Bei Winckelmann der starke volle Strom echter Kunst- 
begeisterung wie er dem Wiedererwecker antiker Schön- 
heit ziemte. Bei Hagedorn entsprang sie vor allem aus 
der Feinheit und Yerständnisinnigkeit seiner Natur, die 
alles zu umfassen und zu vereinigen strebte. Bei Hamann 
der dunkle Drang, die Ahnung von der Bedeutung alles 
Intuitiven, Unmittelbaren, Geoffenbarten. Herder mit der 
grandiosen Genialität seines Verstehens musste aus seiner 
ganzen Xatur heraus die Partei des Gefühls gegen den 
Verstand nehmen, womit er im Gegensatz zu Wackenroder 
eine philosophische Weltanschauung wohl zu verbinden 
wusste. 

Was dann die Gefühlsästhetik des Sturmes und Dranges 
wesentlich von der der Romantik unterscheidet, ist, dass 
es hier nur beim dunkeln Drange bleibt, wie er von Hamann 
zuerst postuliert worden war, während die Romantik später 
ihre Gefühle bereits zu deuten sucht. Darin gehörte 
Wackenroder noch dem Sturme und Drange an, dass er 
auf diese Reflexion verzichtet, mit Bewusstsein verzichtet. 
Es erscheint ihm sogar frevelhaft, alles deuten zu wollen. 
Auch die Gefühlsverherrlichung, die Goethe z.- B. im 
„Werther" gab, denkt nicht an eine subtile Analyse, wie sie 
erst die Seelenschilderungen in der „Lucinde" etwa gaben 
oder wie sie K. Ph. Moritz in seinem „Anton Reiser'" ver- 
sucht hatte; obwohl der „Werther", dank der hellen Klar- 
heit des Goethischen Geistes, trotz seiner Gefühlsverherr- 
lichung, doch anschaulicher, plastischer wirkt als alle 
Reflexionsromane der Romantiker später. 

Wenn man Heinse und Wackenroder in Beziehung 
setzt, so kommt man unwillkürlich zu dem Wunsch, diese 
beiden so grundverschiedenen Kunstschwelger in einen 
Menschen umschaffen zu können! Was Heinse — in seinen 



21 — 



fcSchilderungen wenigstens — an üppiger Sinnenfreude zu 
(tiel hat, das hat "Wackenroder zn wenig. In ihnen beiden 
dpr schärfst* Contrast zwischen vollbHitigtm, liber- 
icbäuinendem Sturni und Drang und bleichsUchtigeni Naza- 
renerfam ausgeprägt. Neben Heinses echten Renaissance- 
festalten ist Wackenroder allerdings ein schwindsüchtiger 
Klosterbruder mit seiner Demut, seiner Schwänuerei für das 
Itille. beschränkte, gottselige Lehen der alten Künstler. 

Eher noch ist ihm K. Ph. Moritz verwandt, der ja in 
Berlin sein Lehrer war. und den er in einem Brief an 
tieck dessen „Zwillingsbruder" nennt. 

Aus religiösen Kämpfen heraus, wie sie Jung-Stilling 
j^a auch durchgemacht hatte, hatte sich die Kunstliebe von 
pari Philipp Moritz gestaltet. Und bei der strengen, 
■chlichen Erziehung die Wackenroder genossen, dürfen 
wir wohl auch bei ihm innere Kämpfe voraussetzen, bis 
er sich zu dieser undogm atisehen religiösen KunstfrÖmmigkeit 
geläutert hatte. 

Moritz hatte gelehrt: „Das Schöne muss empfunden 
werden!" und wenn Wackenreder wahrscheinlich auch 
schon durch seine eigene, persönliche Veranlagung zu 
solchem Resultat gekommen wäre, so musste es ihn natür- 
lich noch in seiner Eigenart bestärken, wenn er aus 
dem Munde eines verehrton Lehrers aussprechen hörte, was 
er selbst still und heimlich empfand. Als er dann endlich 
selbst dazu kam, seinen Gefühlen Ausdruck zu goben, da 
geschah es in der Überzeugung, dass im Spiegel der Kunst 
das menschliche Herz sich selber kennen, dass es durch 
die Töne „das Gefühl fühlen" lerne. 

Gleich in der Vorrede seines Buches weist er darauf 
rfcin, wie fremd er sich den zeitgenössischen systematischen 
[»Kritikern und Theoretikern fühle. Wer sie und ihre Schriften 
[liebt, wie etwa die „Venus Urania" von Ramdohr, mag 
1 BUr gleich sein Buch ungelegen zur Seite legen. Denn wer 
Lein System glaubt, hat die allgemeine Liebe aus seinem 
■Herzen verdrängt. Erh-äglicher ist ihm Intoleranz des 
Qefilids als Intolerar)/, d^s Vi>rstarides, Aberglaube heiser 



— 22 — 

als Syötemglaube *). Wer das, was sich nur von innen 
heraus fühlen lässt, wie das Wesen der Kunst, mit der 
Wünschelrute des untersuchenden Verstandes entdecken 
will, der wird ewig nur Gedanken über das Gefühl, aber 
nicht das Gefühl selber entdecken. Eine ewig feindselige 
Kluft sieht er zwischen dem fühlenden Herzen und den 
Untersuchungen des Forschers befestigt, und jenes ist ein 
selbständiges verschlossenes göttliches Wesen, das von der 
Vernunft nicht aufgeschlossen und gelöst werden kann 2). 
So ist also gleich in diesen ersten Büchern der 
Romantik wieder wie eine Generation früher im Sturm und 
Drang die unvergleichliche Überlegenheit des ahnenden 
Gefühls gegenüber der sich weise dünkenden Vernunft und 
den „Vernünftlern" (wie Wackenroder sie nennt) aus- 
gesprochen. Ja, er hält es sogar für einen Irrtum der 
Weltweisen, dass sie die Geheimnisse des Himmels auf- 
decken und unter die irdische Dinge, in die irdische Be- 
leuchtung des Verstandes haben stellen wollen. Ihm sind 
die „dunklen Gefühle" wie verhüllte Engel, die zu uns 
niedersteigen, die er in tiefer Demut als die echten Zeugen 
der Wahrheit ehrt*'). Er faltet die Hände und betet an. 
So wundern wir uns denn auch nicht, wenn er für sein 
Gefühl den umfassendsten Ausdruck sucht und in An- 
schauungen und Betrachtungen mündet, wie seit Plato 
jeder wahrhafte Kunstbegeisterte, auch Winckelmann, 
empfunden und zum Ausdruck gebracht hatte: dass Gott 
die Schönheit ist, dass die Schönheit göttlich ist, dass nur 
Gott die Schönheit ganz empfindet. „Jegliches Wesen strebt 
nach dem Schönen, aber es kann nicht aus sich heraus- 
gehen und sieht die Schönheit nur in sich. Jedem wirft 
sich aus der umgebenden Welt ein anderes Abbild der 
Schönheit zurück. Die allgemeine, ursprüngliche Schönheit 
aber, die wir nur in Momenten der verklärten Anschauung 
nennen, nicht in Worte auflösen können, zeigt sich Dem, 

1) Herzensergiessungen 1797, S. 186. 

2) Minor, Tieck u. Wackenroder S. 70 (Spemann Bd. 145). 

3) Herzensergiessungen 1797, S. 135. 



der den Regenbogen und das Auge, das ihn siebet, ge- 
macht hat" '). 

Immer wieder versucht er, an den grossen G-estalten aus 
n „Heldenzeitalter der Kunst'", wie er die Renaissance- 

peit nennt, zu zeigen, dass die Knnst nichts Erlernbares 
, sondern dass ihr Strom, „wenn er nur auf eine kurze 
tetreeke geführt und gerichtet ist, unbeherrscht aus eigener 
ile quillt." 
Das Wesen aller Dichtung, aller Kunst siebt er im 
„Verdichten der im wirklichen Leben yerloren herumirrenden 
Gefühle," und scharf hat er die Vernünfler und Systematiker 
zurückgewiesen, die sich nicht in fremdes Wesen liindn- 
zufüblen vermögen, sondern durch Worte, durch Künste des 
Verstandes über die Kunst und die Künstler herrschen 
und richten wollen. 

Nur dass er, aus seiner eigenen Lage heraus, mehr 
die Kunstgeniessenden als an die Kunstschaffenden 
Säenkt, dass er mehr von einer andächtigen Aufnahme der 
■VFerke des Künstlers, von einem liebevollen Eingehen in 
^eine Intentionen, als von dem Urgrund des Schaffens 
lelber spricht. Er ist keine Sturm- und Drang-Natur, die 
ygrosse, mächtige EnipHndungen in sich trägt und die die 
(Veit nach ihrem Bilde umgestalten, aus sich heraus neue 
rWelten schaffen mlicbte, — kein Original-Genie, das in 
prometheiscbem Trotz den Himmel stürmen möchte, sondern 
eine weiche, unendlich feinfühlige zwar, aber auch wider- 
standsunfähige Natur, der im letzten Grunde doch der Mut 
zu sich selber, zu seiner eigenen Kunstliebe fehlte, mit dem 
er sich den widerstrebenden Verhältnissen gegenüber hätte 
behaupten können. Das ist es, was ihn so wesentlich von 
den Stürmern und Drängern und den Romantikern nach 
ihm unterscheidet; sie gehen aufs Etliische, auf praktische 
Lebensgestaltung aus — wie Heinse in seiner platonischen 
Republik auf den glückseligen Inseln im „Ardinghello", wie 
Fr. Schlegel in der „Lucinde", Scbleiermacher in den 
■ g^DQologen", Brentano im „Godwi". — Wackenroder bleibt 
') HerzenBcrgiesMungen 1797, S, 107. 



— 24 — 

bei der Apotheose der Kunst stehen. Dem äusseren Leben 
gegenüber ist er ganz hilflos; die Verhältnisse bezwingen 
seine schwache Natur völlig — geschweige, dass er sie zu 
bekämpfen und zu besiegen vermocht hätte. Er selbst hat 
diesen Mangel seiner Natur wohl empfunden und darunter 
gelitten. Er schilt sein „verweichlichtes Künstlergemtit", 
das den Anblick des Jammers und Elends der Welt nicht 
ertragen kann. Gerade wenn ihn die Kunst zum „selbst- 
ständigen menschlichen Gott" gemacht hat, wenn er „n)it 
frecher Erhebung über andere Menschen heimgesucht wird", 
— gerade dann empfindet er auch seine Unzulänglichkeit 
für die thätige, lebendige Welt — und er kommt sich selbst 
wie ein eitler Götzendiener vor. In solcher Stimmung 
begreift er die asketischen Märtyrer, die, von dem Anblick 
der unsäglichen Leiden der Welt zerknirscht, wie ver- 
zweifelnde Kinder ihren Körper lebenslang den aus- 
gesuchtesten Kasteiungen und Pönitenzen preisgeben, um 
nur mit dem fürchterlichen Übermasse der leidenden Welt 
ins Gleichgewicht zu kommen^). 

Aber auch mitten in diesen Zweifeln an sich selbst 
und an der Kunst braucht sich nur eine herrliche Musik 
zu erheben, so hebt das „lüsterne Ziehen der Sehnsucht 
sein altes Spiel wieder an — und die ganze kindische 
Seligkeit thut sich von neuem vor seinen Augen auf". 

Er empfindet es als ein Unglück, dass der Mensch, 
der in Kunstgefühl so ganz zerschmolzen ist, die Vernunft 
und Weltweisheit, die dem Menschen doch so festen Frieden 
geben soll, so tief verachtet und sich so gar nicht hinein- 
finden kann^). Der Weltweise betrachte seine Seele wie ein 
systematisches Buch und finde Anfang und Ende, und 



1) Minor S. 77 nimmt diesen Brief J. Berglingers für Tieck in An- 
spruch, obwohl er Aufnahme in die Phantasien von 1814 gefunden 
hat. Ich möchte ihn mit Haym doch Wackenroder zuweisen, ge- 
rade der oben zitierten Stelle wegen, die sich ähnlich auch in den 
Briefen W.'s an Tieck finden. Holtei IV, 234. 

2) Minors Ausg. S. 79. 



' Wahrheit und Unwahrheit getrennt in bestimmten Worten. 

Der Künstler hingegen betrachte sie wie ein Gemälde oder 

Tonstück, kenne keine feste Überzeugung und finde alles 

I schön, 'was am gehörigen Orte stehe. Besigniert kommt 

• zu dem Schluas: „so wird meine Seele wohl lebenslang 

hier schwebenden Äenlsharfe gleichen, in deren Saiten ein 

remder, unbekannter Hauch weht und wechselnde Lüfte 

Isach Gefallen herumwühlen". 

Wenn Wölfflin ') in seiner Kritik der „Herzensergies- 
Bingen" sagt, nirgends habe Wackenroder -- was man in 
l^ter Linie wünschen möchte — eine methodische Kritik, 
iae sachverständige Analyse, eine erschöpfende Aus- 
B^inandersetzung, so vergisst er, dass Wackenroder gerade / 
jiiese Art von Kritik bekämpft: er will ja eben nicht \ 
ffai erster Linie „methodische Kritik, sachverständige/ 
Analyse, erschöpfende Auseinandersetzung" — er w 
nicht Wissenschaft treiben, sondern Kunst gemessen. ErJ 
hasst die „Sachverständigen", die „Kenner": er will Be- 
geisterte, Sich-Hingebende. 

Wölfflin setzt Wackenroders Buch in Parallele zu 
Goethes „Propyläen": ,,Hier ein Mann auf der Höhe der 
Jahre, der viel gesehen, das Gescbaute ruhig überdacht 
und nun in systematischen Abhandlungen Klarheit über 
die Grundlagen der Kunst sich schaffen will. Wackenroder 
noch blutjung, ohne bedeutendere Anschauung, erscheint 
daneben wie ein lallendes Kind. Jener giebt Abhandlungen, 
dieser Herzensergiessungeu. Beide möchten auf die lebenden 
Künstler wirken. Es ist kein Zweifel, welcher von beiden 
die Absicht besser erreichte". ^ Wölfflin scheint, wenn 
ich ihn recht verstehe, zu meinen, dass Goethe diese 
Absicht besser erreicht habe, während wir doch alle wissen, 
daas die Bestrebungen der „Propyläen" so wenig Anklang 
fanden, dass Goethe sie bald wieder aufgeben musste, und 
tzwar wie er selbst sagt, weil die Bestrebungen der romanti- 



*) Studien zur Litteratui^esctiichte. Michael Bci'ni 
kn Bdiülern unU Freunden. 18i)3. S. 61 ff. 



3 gewidmet 



— 26 — 

sehen Kunst, durch Wackenroder angeregt, stärker geworden 
waren. Über die Wirkung der „Propyläen" hatte die der 
„Herzensergiessungen" gesiegt*). Dass die „bösartigen 
Menschen," die sich Goethes Unternehmen in den Weg 
gestellt hatten, auch Menschen mit einer glühenden Be- 
geisterung für die Kunst waren, dass sie aber mit andern 
Augen in die Welt sahen als der „spätgeborene Grieche," 
das kam Goethe erst viel später in den Sinn*). So viel 
ist wahr: es ist keine grosse, gewaltige Gefühlsmacht, die 
Welten umzuschaffen vermag, die aus den „Herzens- 
ergiessungen" spricht. Es steht auch keine starke, voll- 
entwickelte Persönlichkeit dahinter. Insofern kann man 
auch Goethes Zorn begreifen, als er die grosse und z. T. 
verhängnisvolle Wirkung sah, die von dem unscheinbaren 
Buche ausging. Seltsam nur, dass man sich in der bildenden 
Kunst gerade an das hielt, was schwächlich war an dem 
Buche, und das Beste darin, seine vorurteilslose Würdigung 
aller Arten von Schönheit, übersah. 



1) Walzel, Schriften d. Goethe-GeseUschaft Bd. 13 Goethe und 
die Romantik, Einleitung. 

2 Volbehr, Goethe und die bildende Kunst 1895 S. 236 f. 



Classicisten nnd Systematiker. 



Wie aber war es mit dem Classicismus und System- 
geist beschaffen, gegen die Wackenroders milde Natur sich 
mit solcher Energie wendete? Derselbe Winckelmann, der 
so genau wusste, dass „nichts mehr von der Natur ent- 
ferne als ein Lehrgebäude", hatte doch einen bindenden 
Kanon aufgestellt, etwas AUgemeingiltiges, Alleinselig- 
machendes gefunden, was sowohl die ausübenden Künstler 
wie die Kunsttheoretiker und Liebhaber nach ihm für ein 
halbes Jahrhundert fast in Fesseln legte. 

Batteux war der erste gewesen, der den Plan fasste, 
das Gebiet der Künste in ein System zu bringen. Noch 
vor Baumgarten entstand sein System 1747, dem so viele 
andere folgen sollten. Durch Baumgarten wurde dann, 
in Halle unter Winckelmanns Augen, die Ästhetik in 
Deutschland zünr"Range einer Wissenschaft erhoben — 
und es war in der That nichts geringes, wenn jemand aus 
der Schule behauptete, dass es eine Sphäre gebe, wo alle 
G elehrsamkeit nichts""TieTfe ; geisterzeugte Werke, deren 
Erschaffung mit den geheimnisvoll wirkenden Naturkräften 
mehr Ähnlichkeit habe, als mit der absichtsvollen Kunst 
des Verstandes *). Bald darnach wurde Winckelmann der 
Schöpfer der Kunstgeschichte — und wenn er unwillig 
Baumgartens Ästhetik als „leere Betrachtungen" be- 
zeichnete, so drückte sich darin schon die Trennung aus,^ 
die bis heute zwischen den Angehörigen der Kunstwelt j^ 
und den speculativen Ästhetikern besteht. 



1) Justi, Winckelmann I, 75. 



Aber wenn Winckelfflann die Entdecknng machte, der 
einzige Weg für uns. gross, ja uncacbabmlicb zu werden, 
sei die ^Xacbabmung der Griechen", so war das nur eine 
Erkenntnis, die in Italien. Frankreich und Holland bereits 
fünfzig und hundert Jahre früher gemacht worden war, 
um auch don zu jenen kalten, akademisch eklektischen 
Bildern zu fuhren, wie sie für uns etwa im -Pamass* und 
anderen Gemälden des if-niL^ repräsentiert sind. 

In Italien hatten Ludovico Dolce und Bellori diese 
Lehre von der höchsten Vorbildlichkeit der Griechen ge- 
predigt und die Schule von Bologna sie befolgt: in Frank- 
reich war La Bruyere der Lehrende. Ponssin der Typus 
des Griechenschülers: in Holland Gerard de Lairesse, der 
Rembrandt und Franz Hals verachtete und Van der Werff 
pries- 

Und nun erschien bei uns in Deutschland Winckel- 
mann, dessen ganzes Lebenswerk ein _ einziger grosser 
Hymnus auf die "wied ergefundene, wieder entdeckte , Antike 
ist Gewiss kam es seiner Wirkung zu Hilfe, dass gerade 
damals Pomjieji ausgegraben, Herculanum entdeckt, die 
Ruinen von Paestum aufgefunden und in der Publikation 
Stuart« und Revetts die Altertümer von Athen bekannt 
wurden V- Aber so hoch seine Bedeutung für die Kunst- 
wissenschaft und Litteratur anzuschlagen ist — in der 
bildenden Kunst ist sein Einfluss so verhängnisvoll ge- 
wesen wie der Goethes, als er die , J^ropyläen" herausgab 
und sich nicht an die Grossen im Schaffen, sondern an 
den mittleren Durchschnitt hielt. Es ist doch wohl kein 
Zufall, dass die starken, eigenartigen Persönlichkeiten in 
der Kunst, die sich Goethe näherten, fast alle von ihm 
zurückgewiesen werden. Erst Schadow, dann Cornelius. 
Kr wollte die Kunst in die Lehre nehmen, und die massigsten 
Kunstwerke befriedigten ihn, wenn die Forderung nach 
klassischem Inhalt erfüllt war 2). 

1) Muther, Gesch. der Mal. im 19. Jahrh. 1893, 1, 104 f. 

2) Gurlitt, Die deutsche Kunst im 19. Jahrh. 1899 S. 31. 



— 29 — 

Dass Winckelmanns Rede von der Nachahmung der 
Griechen um jeden Preis in Dresden im Schatten des 
Zwingers und der katholischen Hofkirche sich erhoben 
habe, sei kein Zufall gewesen, meint Justi '). Aus dem 
Reiz des Contrastes sei der schnelle Sieg des Classicismus 
zu verstehen: man hatte den Rausch der Ungebunden- 
heit, der malerischen Überfülle und Überkraft erlebt und 
war nun für das „Glück der Nüchternheit", den „Glaubens- 
eifer des Regelzwangs" und die „Majestät der Kahlheit" 
vorbereitet. Diese predigte denn auch 1759 der Dresdener 
Akademieprofessor Krubsacius in seinen „Gedanken über 
den guten Geschmack von Verzierungen" 2), derselbe Krub- 
sacius, der 1773 Goethes Dithyrambus auf die deutsche 
Baukunst so schroff entgegentrat. 

Die Wirkung der neuen classicistischen Ideen an seiner 
eigenen Kunst erfuhr zuerst der Freund Winckelmanns, 
der Sachse Anton Rafael Mengs. Während wir an seinen 
Dresdener Pastellbildnissen oder an seinem Selbstportrait 
in der Münchener Gallerie begreifen, wie man ihn für 
einen der merkwürdigsten Maler des 18. Jahrhunderts 
halten konnte, zeigt sein „Parnass" in der Villa Albani, der 
unter Winckelmanns Einfluss 1761 entstand, den völligen 
Zerfall seines Talentes und seiner Technik'). 

Winckelmann freilich erschien dies Werk der schön 
bemalten Gipsflguren so vollkommen, dass er meinte, 
Raffael selbst würde den Kopf neigen.*) Er war zum 
Fanatiker der schönen Form geworden. 

Winckelmann — und kurz darnach Lessing — be- 
kämpften die Vermischung der bildenden Künste mit der 
Dichtung •'^); sie rieten dafür zu einer Vermengung der 



1) Justi, Winckelmann I, 237. 

2) Justi, Winckelmann I, 245. 

3) Muther, Geschichte der Malerei. I, 114. 

*) Janitschek, Geschichte der Malerei. 1890, I, 586 f. 

6) Vgl. Erich Schmidt, Lessing, 2. Aufl. 1899, I, 500 f. 508 f. 



Vv 



— 30 — 

Malerei mit der Plastik, was doch nicht weniger bedenk- 
lich war.*) 

Auch Angelika Kauffmann ist durch Winckelmanns 
Einfluss zu ihrer antiken Verkleidung gelangt: aber sie 
wusste ihren Sibyllen und Vestalinnen wenigstens immer 
eine liebenswürdige moderne Grazie zu geben. ^) 

Mengs ist für die classicistische Richtung nicht blos 
in seiner Kunst, sondern auch in Wort und Schrift ein- 
getreten. Während er malte, habe er im göttlichen En- 
thusiasmus Gedanken über die Kunst diktiert.^) Durch 
solche Gedanken angeregt, soll Daniel Webb seinen „Ver- 
such über das Schöne in der Malerei" geschrieben haben, 
ein Werk, das von Richtung gebendem Einfluss auf den 
jungen Schleswiger Carstens wurde. 

Mengs selbst veröffentlichte seine Gedanken über 
„Schönheit und Geschmack in der Malerei" 1762. Sie 
waren Winckelmann gewidmet. Winckelmanns Grundsätze 
und Erkenntnisse sind darin mit vollem Bewusstsein zu 
Leitsternen der Kunst gemacht, und so ist Mengs der 
eigentliche Begründer des deutschen Classicismus geworden. 
Seine Auffassung hat die Richtung der Akademien aut 
lange Zeit bestimmt. 

Raphael mit Correggios Anmut und Tizians Farbe 
bereichern und ihn durch die Einfachheit der Antike noch 
im Weglassen des Unnützen zu steigern, — das ist die 
Aufgabe, welche Mengs der Kunst seiner Zeit stellte — 
jener schwächliche, blutlose Eklekticismus, gegen den sich 
Wackenroder mit so richtigem Kunstgefühl wendet. 

Die Reden des Londoner Akademiepräsidenten Rey- 
nolds, die bald darnach in deutscher Übersetzung er- 
schienen, standen ungefähr auf demselben Boden; nur 



1) Auch Goethes Meinung in seiner classicistischen Periode war, 
ein junger Maler werde nur zu seinem Vorteil in die Schule des 
Bildhauers gehen. Vgl. Erich Schmidt, Lessing I, 508. 

2) Muther I, 114. 

8) Janitschek, Gesch. der Malerei, S. 586. 



— 31 — 

das» er durch Shaftesbury zur Antike gewiesen worden 
war. ') 

Auch Salonion Qessner ist der Meinung, dass man bei 
den griechischen Bildhauern die „sublimsten Begriffe vom 
Schönen erlange und lerne, was man der Natur leihen 
müsse, um der Nachahmung Anstand und Wüi'dezu geben", 
wie er 1759 schreibt } 

Selbst Hagedorns tolerante Seele, die gern alles in 
sich aufnahm aus allen Gebieten der Kunst, kann nicht 
umhin, zu bedauern, dass „Terborg und Metsu uns nicht 
statt holländischer Näherinnen lieber Andromache unter 
ihren fleissigen Frauen gezeigt haben".') 

Dass Lessings männlich einseitige Natur sich zu einem 
festen Princip in der Kunst bekennt, nimmt uns daneben 
nicht Wunder. Von ihm ist es begreiflich, dass er absolute 
Regeln, scharf getrennte Gebiete festsetzen will. Auch 
ohne vielseitig entwickeltes unmittelbares künstlerisches 
Empfinden und ohne bedeutendere Anschauung, sclireiht 
er den Laokoon; ohne das originale Bildwerk je erblickt zu 
haben, glaubt er sich zum Gesetzgeber, zum Richter Uber die 
Kunst berufen. So kommt es denn, dass er, der sonst 
lehrte, „dass nur der allseitige Geschmack der wahre sei", 
nun auch das allein nachzuahmende Ziel in der griechischen 
Plastik siebt und ganze Gebiete der Kunst einfach verwirft, 
wie Landschafts- und Genremalerei. So nahm er der 
bildenden Kunst auf der einen Seite, was er ihr auf der 
andern durch seinen energischen Kampf gegen Veraltetes, 
Verzopftes gegeben hatte. Er wähnte, wie Justi sagt*), 
den reinen, strengen, althelleniscben Geschmack zu ver- 
fechten, indem er, blinden Begriffen blindlings folgend, 
mit dem Unkraut auch die Blumen ausraufte. Dass er . 
selbst auch als unbefangen Geniessender seine eigenen 



■) H. V. stein, Entstehung der neueren Ästhetik, 188ä, S. 104. 

S) Muther I. 107. 

3) Muther I, 107 f. 

*) Justi, Winckelmann DI, 225. 



— 32 — 

starren Theorien vergessen konnte, zeigen seine Briefe aus 
Hamburg, wo er selbst malerisch, nordisch empfindet. 

Wie Georg JForsters Kunstanschauungen sich ganz in 
derselben antikisierenden Richtung bewegen, zeigt am 
deutlichsten sein Aufsatz: „Die Kunst und das Zeitalter" 
von 1789, der Schillers besonderes Wohlgefallen erregte, uad 
der die theoretische Grundlage für seine „Ansichten vom 
Niederrhein" bildet. Wenn Leitzmann in seiaer Einleitung 
zum Neudruck von Forsters Ausgewählten Schriften*) 
meint. Forsters idealistische Ästhetik stehe ganz auf dem 
Boden Winckelmanns, Lessings und Herders und nehme 
mit liebenswürdiger Leichtigkeit viele Gedanken voraus, 
denen Schiller später klassischen Ausdruck gegeben habe, 
so kann man ihm wohl zustimmen — nur scheint es mir 
richtiger, Herder hier auszuschliessen. Sogar Schiller 
spürte Lust, „die unterdrückte Partei der neuen Kunst 
gegen ihn zu nehmen"^), ein so blinder Verehrer der 
Griechen ist Forster in diesem Aufsatz: Ganz allein die 
Griechen erheben sich zur höchsten Vollkommenheit des 
Ideals, und unermesslich ist die Entfernung, in der die 
moderne Kunst hinter der alten zurückbleibt. Auch ihm 
ist, wie für Winckelmann und für Goethe, der Mensch der 
höchste Gegenstand der schönheitbildenden Kunst. Raphael 
steht einzig unter den Neueren, weil er die hohe Ideali- 
sierungskunst der Alten besass und Guido Reni hatte so 
viel Anlage zum grossen Maler, weil er nach ihren schönsten 
Werken kopierte. Nur den relativen Wert der neueren 
Kunstwerke will er retten — aber selbst das gepriesenste 
Kunstwerk lässt ihn kalt und gleichgiltig, wenn es nicht 
Spuren jener Idealisierung an sich trägt, welche die Züge 
der Natur durch Zusammenstellung veredelt und dem 
Möglichen Wirklichkeit verleiht. Die neue Kunst sei zur 
Dienstbarkeit herabgedrückt: in den unentwickelten Gliedern 
des Säuglings, in der Qual des gefolterten Dulders das 
Göttliche darzustellen bleibe ein unauflösbares Problem. 



1) Deutsche Litteraturdenkmale 46/47. 1894, S. XVUI. 

2) Schiller an Huber 13. Jan. 1790. 



8S 



Wie er Mengs schon io diesem Aufsatz für sich 
'echen läast, so siad auch seine „Ansichten vom Nieder- 
"hein" im Grossen und Ganzen doch nur Aual'iihrungen 
der Strengston classicistischen Ideen. Selbst die Be- 
wunderung des Kölner Domes, der ihm den Begriff dar 
Unendlichkeit giebt, vermag ihn nicht darüber hinweg- 
zutäuschen, dass nur die griechische Baukunst der Inbegriff 
des Vollendeten, d. h. des Schönen ist. 

Wie weit aber seine Anschauungen von allem Hordar- 

schen und Wackenrodersclien Universalisnius entfernt sind, 

zeigen am deutlichsten die Betrachtungen, die sich an die 

Düsseldorfer Gallerie anknüpfen. Sie stohan auch in 

schärfstem Gegensatz zu Heinses „Gemäldebriefen", die, 

fast zwei Jabraehnte vorher entstanden, eine Feinheit und 

Freiheit des kilnstlerisehen Urteils zeigen, die uns noch 

heute zur grössten Bowujiderung nötigt. Aber hat Heinse 

z. B. die Bedeutung von Rubens voll erkannt, so wendet 

ich Förster voll Entsetzen von dessen „Jüngstem Gericht", 

iesem „Meisterstück des Abscheulichen" ab. Eheugo 

empört ihu die „dicke Lady Rubens" in der Himmelfahrt 

der Jungfrau in Antwerpen. Dagegen ist Guido Reni sein 

Entzücken, der uns heute leer und sUsslicb erscheint. Nocli 

schlimmer als Rubens kommt Dürer fort: „Was ist ein 

)Söer Künstlemame, wenn solch ein buntscheokigeB, 

^fiJeJfes, elend gruppiertes, iu harten Umrissen mühsam hin- 

;edrecb8eltes Werk nichts anderes für sich hat als Albrecht 

rpürers Ruhm. Liesse sich doch nur die Aechtheit dieses 

laedlcn und zugleich so sehr missratenen Kunstwerkes 

lit einiger Wahrscheinlichkeit liezweifeln!"') Und mit so 

iBütergeordnoten Gebieten wie Tier- und Landschaftsmalerei 

'iil er sich nicht befassen, wo höhere Gegenstände ihn 

an sich reiseen. Auch er sieht, wie Winckehiiann und 

Lesuing, die Plastik als massgebend für die Malerei an. 

„Was ist Farbe gegen Form?" fragt er, wohl mit dii'ekter 

Wendung gegen Heinse,*) und ein blosser Umrisa, mit 

1) Ansichten vom Niede.rrhetn. 1800. 11, 49i. 

>) Vgl. Jessen, Heiab«a gteUung; sur iiildtnidafi Kunat, IdUI, &. 28. 

FBlaeBtrm XXVL 3 



— 34 — 

Äaphaels Schönheitssinn entworfen, ist ihm mehr wert als 
das vollendetste Gemälde, dem diese wesentlichste Be- 
dingung fehlt. Licht und Farbe, Bewegung, Ausdruck und 
Anzug könne die Einbildungskraft sich zu einer gegebenen 
schönen Gestalt leicht hinzudenken. Hingegen den feineren 
Genuss störe unwiderbringlich eine schlechte oder gemeine 
Natur, das Gemälde sei im übrigen noch so meisterhaft 
ausgeführt J) Es scheint ihm endlich Vermessenheit, zu 
glauben, wir könnten die Griechen je erreichen. 2) 

Friedrich Schlegel wusste diesen Classicismus Forsters 
in der liebevollen Charakteristik, die er 1797 im „Lyceum" 
gab, am einfachsten dadurch zu motivieren, dass „es ohne- 
hin eine allgemeine Liebhaberei der deutschen Autoren ist, 
die Geschichte des Altertums zu erfinden; auch solcher, die 
in der gesellschaftlichen Natur ihrer Schriften durchaus keine 
Entschuldigung finden können.') (Moritz z. B., meint er, 
würde vortrefflich über die Alten geschrieben haben, wenn 
er sie gekannt hätte; aber es habe nur wenig gefehlt, 
dass er sie gar nicht kannte.) 

Dass der Mann, mit dem Goethe in Italien wochen- 
lang den innigsten Verkehr pflog, den er nach der Rückkehr 
zu sich nach Weimar einlud, in seinen ästhetischen Theorien 
kein Stürmer und Dränger mehr sein durfte, versteht sich 
von selbst. So sehen wir denn auch Karl Philipp Moritz 
auf Seiten derer, die in der bildenden Kunst zur Antike 
zurückführen möchten. Seine Abhandlung „Über die 
bildende Nachahmung des Schönen", die zum Teil schon 
vor seiner italienischen Reise koncipiert war, aber in Rom 
vollendet wurde und Goethes vollen Beifall erhielt, be- 
stimmte den Wert des Kunstwerks zum ersten Mal als 
in ihm selber liegend. — Deutlicher als aus dieser Ab- 
handlung geht sein antikisierender Standpunkt aus seinen 
nach-italienischen Schriften hervor. Besonders in seinen 



1) Ansichten I, 206. 

2) Ansichten lU, 22. 

3) Jugendschriften ed. Minor 1882, II, 137. 



— 35 — 



„Reisen eines Deutschen in Italien von 178& — SS" in 
Briefen') und in der von ilini und Hirt herausgegebenen 

IZeitsclirift: „Italien und Deutschland", mit der er einen 
Plan verwirklichte, den einst Heinse vor ihm gehabt hatte, 
ohne die Mittel zur Ausführung zu" erringen. Er ist nicht 
«in so starrer Verfechter des Classicismus wie Georg 
Forster; dazu ist neben dem Einfluss Sbaftesburys und 
"Winckelmanns der von Herder zu stark gewesen, wie 
Max Dessoir in seiner Schrift „Karl Philipp Moritz als 
Ästhetiker" *) nachgewiesen hat, und wofür auch Goethes 
:„Italienische Reise" zahlreiche Zeugnisse giebt, — von der 
persönlichen Berührung mit Herder in Rom abgesehen. 
Aber Moritz sieht doch in Mengs und David die Maler, 
■welche dem Zeitalter die meiste Elire machen. Und wenn 
er Dürer schätzt, so kann er sich doch nicht versagen, 
zu bedauern, dass er Rapbael und die Antike nicht kennen 
gelernt habe — gerade wie Winckelmann es Holbein gegen- 
über gethan hatte/') In dem Streite der Berliner, ob das 
DenkmalFriedricIis U, m antiker oder preussischer Kleidung 
m ausgeführt werden solle, stellt sich Moritz auf die Seite 

^^V der Antike. 

^^^B Alle seine Bemühungen gehen darauf hinaus, die 
^^^»Künstler zur Antike zurückzuführen, da auch ihm die] 
^^^V Barstellung menschlicher Bildung das Höchste in der | 
^^^■Kunst ist. Seine „Götterlehre" bat nachweisbar Schinkel : 
^^^P Anregung zu seinen Compositionen gegeben. Und Goethe 
I berichtet in der Italienischen Reise: „Moritz studiert jetzt 

die Antiquitäten und wird sie zum Gebrauch eines jeden 
Denkenden vermenschlichen und von allem BUchermoder 
-und Scbulstaub reinigen." 

Ja, er interessiert sich trotz seiner Bewunderung der 
I Peterskirche, die ihm als das „grösste Gebäude auf dem 
f Erdball" erscheint, fast noch mehi' für das antike Italien 



I) BerUn 1793, I u, U. 

=] Naumburg 1S8B. 

ä) .Italien u. Deutschi aod." 



Berün 1789. S. 18. 



— 36 — 

als für das mittelalterliche. Er zitiert beständig Homer 
und Virgil, liest den Livius (Raub der Sabinerinnen) er- 
innert sich in Velletri der Satiren des Horaz und widmet 
der Betrachtung der Altertümer in Pompeji und Herku- 
lanum einen grossen Teil seiner Reisebriefe. 

Berninis „David" und „Apoll und Daphne" erscheinen 
ihm steif, roh und unbeseelt, so dass eine antike Bildsäule 
von der niedrigsten Klasse dennoch diesen Hauptwerken 
der neueren Kunst weit vorzuziehen sei. Der Überblick 
über das Ganze, wodurch ein Kunstwerk allein Charakter 
und Würde erhält und den die Antike besass, scheint ihm 
bei der modernen Kunst zu fehlen.*) 

In einem gothischen Dom sieht er alles darauf an- 
gelegt, dass die Höhe furchtbar, die Weite wie eine Wüste 
erscheine, dass die ungeheuren Verhältnisse uns zwingen, 
mit einer Art von Entsetzen empor zu schauen und der 
Geist sich unter der Masse gleichsam erdrückt fühlt, dass 
das gothische Gebäude mit einer Art von wilden Schwärmerei 
sich selber in schauorvollen Labyrinthen zu verlieren 
suche. ^) 

Am deutlichsten ab(n^ geht sein antikisierender Stand- 
punkt vielleicht aus folgenden Worten hervor: „Aus d(^,n 
Götteridealen der Griechen, wenn man si(*. als Symboh^ 
der Macht, der Stärke, der Weisheit und der Scliönheit 
betrachtet, leuchtet noch jetzt der helle Geist hervor, 
welcher die erhabensten Ideen des Verstandes in Gestalt 
und Umrisse übertrug und die meisten Begriffe, welche 
eine aufgeklärte Philosophie lehren konnte, durch die Kunst 
anschaulich wieder darstellte. Niclit das Unmenschliche 
und Ungeheuerliche, sondern gerade das Menscliliche in 
seiner höchsten Erhabenheit und Würde war bei den Alten 
das höchste Ziel der Kunst — dadurch erhielt alles auf 
den Geist der Menschen eine unmittelbar zurückwirkende 
Kraft, und die Griechen arbeitet(Mi sich dadurch zu einem 



1) Reisen in Italien 11,230. 

2) Reisen in Italien I, 185. 



— 37 — 

Grade von Kultur empor, welchen nach ihnen noch kein 
Volk erreicht hat." *) 

Von diesen*! vStandpunkt aus kommt er als einer der 
ersten zu der schärfsten Verurteilung von Schillers Jugend- 
dramen, lange vor der Romantik. Schiller selber verzieh 
ihm das nicht nur, sondern in seiner eigenen antikisierenden 
Zeit verteidigt er Moritz lebhaft gegen Knebel, und seine 
„Künstler" sind von den Moritzischen Kunstanschauungen 
nicht unbeeinflusst geblieben. 

Den Vorlesungen, die Moritz als Hofrat und Professor 
der Theorie der schönen Künste und Altertumskunde an 
der Berliner Akademie hielt, haben dann Anfang der 
neunziger Jahre Tieck und Wackenroder beigewohnt. Viel- 
leicht ist es auf seine Begeisterung für die Peterskirch^ 
zurückzuführen , dass Wackenroder diesem „ erhabenen 
Wunder der Welt", das er doch nie mit Augen gesehen, 
in den „Phantasien" 2) einen eigenen Aufsatz widmet. 

Wie kläglich und unerträglich uns heute der Vertreter 
classicistischer Kunsttheorien erscheint, den Wackenroder 
allein mit Namen bekämpft, hat schon Wölfflin durch eine 
einfache Wiedergabe aus Ramdohrs „Charis oder über das 
Schöne und die Schönheit" von 1793 gezeigt'). Es handelt 
sich darum, den Begriff eines schönen Gemäldes zu 
geben, und wir verstehen angesichts der gespreizten, an- 
massenden Redeweise, dass Wackenroder ja gleich in der 
Vorrede der ,Herzensergiessungen' durch Tieck konnte 
sagen lassen: „Wer diesen liebt, mag nur, was ich ge- 
schrieben, sogleich aus der Hand legen". Aber lassen wir 
einmal Ramdohr reden: „Es ist eine durch schöne Fertig- 
keiten des Geistes und der Hand bearbeitete . . . Tafel, in 
deren Räume specifike stillestehende Profile individueller 
Körper in dem Masse enthalten sind, dass der Beschauer 



1) Reisen in Italien III, 41. 

2) Minors Ausg. S. 30 ff. 

3) Studien zur Litteraturgeschichte, Mich. Bernays gewidmet 
1893. S. 61—73. 



— 38 — 

an der Ähnlichkeit des vollständigen Abglanzes dieser 
Profile mit den individuellen Vorbildern an einem festen 
Gesichtspunkt sich belustige und zu gleicher Zeit das 
Äussere dieser Tafel mittelst der malerischen Wirkung 
dem Auge wohlgefällig und das Innere derselben mittelst 
Bedeutung, Geist, Ausdnick des ganzen Werkes für seinen 
Geist interessant finden könne" (VIII. Buch, 13. Cap.). 

Ich glaube, es bedarf in der That keines weiteren 
Zeugnisses, dass von einer solchen Art von Kunstbetrachtung 
jeder wirkliche Liebhaber der Kunst sich mit Verachtung 
und Schrecken fortwenden musste. 

Schon Herder hatte das von Rom aus in einem Brief 
an Frau von Diede gethan, und Goethe und Schiller hatten 
Ramdohr im Xenienkampf nicht verschont. 

Auch das „Athenäum" gönnt sich in seinem „Reichs- 
anzeiger" (n, 333) einen Scherz mit diesem wunderlichen 
Ästhetiker. Es stellt unter seine Preisaufgaben folgende: 

„Derjenige, welcher beweisen kann, dass er, ohne irgend 
eine Nebenabsicht, blos um das Fortkommen der Ästhetik zu 
beiördern, die „Urania" des Herrn von Ramdohr zu Ende ge- 
lesen habe, soll zur Prämie die ästhetischen Versuche des 
Herrn von Humboldt erhalten. Wer die Lektüre nicht voll- 
endet, aber doch bis über die Hälfte gekommen ist, erhält 
zwanzig noch ungedruckte Gedichte von Mathisson." 

Nicht ganz so peinlich schwülstig wie Ramdohr giebt 
sich der Freiherr von Racknitz in seinen, in Dresden 1792 
erschienenen „Briefen über die Kunst an eine Freundin". 
Aber zu derselben Art nüchterner, belehrender Kunst- 
kritiker gehört auch er. Auch er will Nachahmung der 
Griechen neben der der Natur. Er will seine Gedanken 
über die Kunst nach dem Muster von Fontenolle, Diderot 
u. a. geben, ohne da Vinci, de Piles, Watelet, Hagedorn 
zu kennen. Sein Muster ist Sulzers Theorie der schönen 
Künste, die schon den Studenten Tieck und Wackenroder 
so wenig befriedigend gewesen war. Auf vier Haupt- 
punkte soll nach ihm der Maler und Kunstfreund sehen: 



1) Vgl. Xenien, Schrift der Goethe-Ges. VUI, 167. 



~ 39 — 

auf richtige Zeirlmung, aaf gute Wahl oder Erfindung des 
Geschmacks, auf geschickte Anordnung, auf gutes Colorit. 
Er verweist auf Hogarth, der den Werth der Schönheits- 
linie am besten dargelegt habe. Guter Geschmack ist ihm 
ein richtiges Gefühl des wahren Schönen, das entweder 
blos natürlich oder ausgebildet ist. 

Seine Ausfüiirungen gehören zu der flachen, trockenen 
Manier, die Wackenroder so hasste, wenn es sich um das 
Verhältnis zur Kunst handelte, eine Abneigung, die wir 
ihm wohl nachfühlen können. 

Wichtiger als die längst vergessenen Bamdobr und 
Racknitz sind die Repräsentanten des Classicismus, die 
ihre Begeisterung für die Antike sich zum grössten Teil 
im Anschauen der Denkmäler Italiens erwarben und dann 
von Weimar aus die deutschen Künstler und Kunst- 
freunde für diese einzig grosse, wahre Kunst zu gewinnen 
trachteten: Pernow, Heinrich Meyer und Goethe. Schiller 
kommt hier weniger in betracht, da er für bildende Kunst 
nur geringes Verständrds besase — und ganz sicherlich 
keins für Malerei, für Farben. Dagegen war Wilhelm von 
Humboldt jahrelang das Haupt des in Rom versammelten 
Künstlerkreises, durch Schiller in künstlerischen Fragen 
beeinilusst, wie er ihm seinerseits neben Reinhold Kant 
nahe gebracht hatte. 

DurchReinhoId wurde in Kants Philosophie auchFernow 
eingeführt, der dann in Rom die Kunstschätze gleichsam 
„nach kantischen Frincipien" betrachtete. Er hielt in Rom 
Vorträge über die Kunst nach kantischen Frincipien '), 
und seinem Einiluss ist es es wohl zuzuschreiben, wenn 
sein Freund Carstens (dessen Biograph Fernow später 
wurde), die kantischen Anschauungsformen von Raum und 
Zeit nach der Weise der griechischen Mythologie in wirk- 
liche Gestalten als Personifikationen zu fassen versuchte. 
Wenn Schiller darüber spottete: „nächstens werde man die 
Tugend tanzen", so hat Gurlitt wohl nicht Unrecht, 



>) Riegel. Wiederaufblühen etc. S. 185. 



— 40 — 

mit der Ansicht: wenn Carstens diese Gestalten Chronos 
oder UranoB genannt hätte, so würde man nichts gegen sie 
einzuwenden haben. 

Jedenfalls wusste man damals in Weimar so wenig 
von Carstens, dass auf Goethes Veranlassung hin 1797 
jenes Pamphlet von Maler Müller in Schillers „Hören" 
erschien, in dem Müller aufs heftigste gegen die an- 
tikisierende Kunst von Carstens und seinen Bewunderer 
Fernow polemisierte*). 

Fernow war, wie er 1796 an Baggesen schreibt, der 
Meinung: so unmöglich es auch selbst in Rom sei, ohne 
gründliche Vorbereitung durch Philosophie etwas Probe- 
baltiges über die Kunst zu schreiben, ebenso unmöglich 
sei es in Deutschland, auch bei der grössten Reinheit und 
Vollständigkeit philosophischer Einsicht, in das Wesen des 
Schönen und der bildenden Kunst zu dringen; denn hier 
würde der Begriff und dort die Anschauung mangeln. 
Erst in Rom habe er Kants Kritik der Urteilskraft ganz 
verstehen gelernt — und der Geist ihres grossen Verfassers 
sei ihm noch grösser erschienen durch die Tiefe und Wahr- 
heit seiner Vernunft Offenbarungen, die ihm bei der Be- 
trachtung der vortrefflichsten, genialsten Kunstwerke auf 
überraschende Weise eingeleuchtet hätten. 

So ist Fernow, der überall, in seinem „Handbuch für 
bildende Künstler", in seinen Kunst -Vorträgen, in seiner 
Biographie von Carstens, von philosophischen Grund- 
sätzen geleitet ist, der Typus des Systematikers, wie 
Wackenroder in seiner ausschliesslichen Gefühlsweichheit, 
der jed'es „Gedankenspalten" zuwider war, ihn nicht 
mochte. Ebenso wenig wäre ihm Heinrich Meyer als ein 
echter Künstler und Kunstfreund erschienen, wenn er noch 
von ihta gewusst hätte. Es blieb Heinrich Meyer vor- 
behalten, fast zwanzig Jahre nach Wackenroders Tode in 
seinem Manifest gegen die „neudeutsch-religios-patriotische 



i) Vgl. E. Schmidt, Schriften der Goethe-GeseUschaft VIII, 164. 



41 



Kunst" Wackenroders Buch mit dorn Bannstrahl zu treffen 
und so der inneren Gegensätzlichkeit ihrer Naturen auch 
nach aussen hin Ausdruck zu geben, 

Heinrich Meyer, der Schüler von Winckelmann und 
Mengs, hatte Cioethe in Rom besonders an sich gefesselt 
durch seine ausgebreiteten Kenntnisse auf kunstwissen- 
schaftlichem Gebiete. Er wollte das Interesse auf das 
Studiiun der Kunstgeschichte lenken und berührt sich darin 
wenigstens mit Wacbenroder, der ja auch durch das Studium 
der Kunstgeschichte, des Vasari besonders, die Liebe 
zur Kunst neu entflammen will. Wackenroder erstrebte 
gewissermassen für die christliche Kunstgeschichte, was 
Winckelmann für die antike gethan hatte. 

Während Wackenroder seine „Herze nsergiessimgen" 
schrieb, war Heinrich Meyer noch einmal nach Italien ge- 
reist, um sich auf die kunstwissenscliaftliche Unternehmung, 
die Goethe in Gemeinscliaft mit ihm plante, noch gründ- 
licher vorzubereiten. Sie wollten der Welt zeigen, was 
wahre Kunst sei, wie man aus dem Studium der besten 
Kunstwerke die Regeln für eigene Kunstöbung ableiten 
könne — sie wollten lehren. Nur unter grossen Schwierig- 
keiten ist dies Vorhaben zur Aueführung gelangt in den 
„Propyläen", den Weimarischen Kunstausstellungen, Preis- 
ausschreiben und Reeensionen. Aufsätze und Becensionen 
in der Ällg. Litteraturzeitung, Benvenuto Ceilini, Winckel- 
mann und sein Jahrhundert, Meyers Kunstgeschichte des 
18, Jahrhunderts, Philipp Hackert, die Aldobrandinische 
Hochzeit, Meyers G eschichte der bildenden Künste bei 
den Griechen, Goethes Italienische Reise, an der Meyer 
wesentlichen Anteil hat, und das Manifest gegen die „Neu- 
deutsch-religios-patriotische Kunst" — alle diese Schriften 
sprachen den bis zum Eigensinn von der absoluten Richtig- 
keit seiner Anschauungen überzeugten Geist des Classi- 
cismus aus, der in den Bestrebungen der Romantiker nur , 
„Böswilligkeit" zu sehen vermochte. 

Goethe hat Meyers „Geschichte der bildenden Kunst 
^bei den Griechen" ein „ewiges Werk" genannt, in dem 



— 42 — 

die Kunsteinsicht von Jahrtausenden liege: doch der Kunst- 
forscher von heute gesteht, dass es nur ganz geringen 
Einfluss geübt habe, da die tiefgehende Bewegung der Er- 
forschung der Kunstideen selber, wie sie seit drei Jahr- 
zehnten begonnen, spurlos an dieser Lebensarbeit vorüber 
gegangen seiJ) 

Paul Weizsäcker verteidigt in seiner Einleitung zu 
dem Neudruck von Meyers Schriften diesen und Goethe 
gegen den Vorwurf, dass ihnen jeder Sinn und alles Ver- 
ständnis für die altdeutsche Kunst gefehlt habe.*) That- 
sache ist ja, dass er 1813 den Gremälden von Lukas 
Cranach in der Kirche zu Weimar eine Monographie 
gewidmet hat. Aber auch die Herausgeber der Goethischen 
Kunstschriften *) gestehen zu, es wäre verfehlt, den „histo- 
rischen Sinn" Heinrich Meyers etwa dem Herders oder 
Rumohrs gleichzustellen. Er hielt als Schüler Winckel- 
manns am Princip des „Lehrgebäudes", des .^Systems'' fest. 

Dass diesem Manne aber nicht erst im Jahre 1817, 
als die Weimarer Kunstfreunde durch die Einseitigkeiten 
der Xazarener gereizt waren, sondern überhaupt von seinem 
dogmatischen Standpunkt aus die ruhige, historische Be- 
trachtung fehlte, zeigt deutlich genug sein Ausfall auf die 
Gothik in den „Propyläen" von 1799, in dem Aufsatz 
„Über die Lehranstalten zu Gunsten bildender Künste": 
„Der beleidigende Anblick von Unformen und Abgeschmack 
bewegt uns hingegen zum Mitleid oder reizt gar zur Ver- 
achtung derjenigen, die solche Werke hervorbrachten. 
Wer fühlte wohl je in einem barbarischen Gebäude, in 
den düsteren Gängen einer gothischen Kirche, sein Gemüt 
zu einer freien, thätigen Heiterkeit gestimmt? Nur wer 
trüb in sich verschlossen gern Gespenster ahnden mag, 
sich an feuchten Schauern ergötzen, dem modrigen Geruch 
und der Verwesung was abgewinnen kann, wird daselbst 



») Stark, Handbuch der Kunstarchäologie I, 23K 
2) Seufferts D. Utt. Denkmale 25, XLm f. 
^ Spemanns Nationallltteratur 30, XLV. 



— 43 — 

Q trauriges, stockendes Behagen empfinden. Jede strebende 
Kraft aber verlässt sobald als möglich eia solches Lokal, 
holt in freier Luft wieder frischen Atem und schätzt sich 
glücklich, dass die Zeiten, in denen eolelie Werke ent- 
standen, längst vorüber sind." Spricht so der in alle 
Kunstarten sich einfühlende historische Sinn? 

Wie Goethes Kunstanschauungen vom römischen Auf- 
enthalt an sich von Jahr zu Jahr mehr mit denen des 
„Kunstfreundes" deckten, ist zu oft dargelegt worden, als 
dass es in diesem Zusammenhang noch einmal ausführlicher 
Behandlung bedürfte. W'enn wir üin früher schon und 
in folgenden Abschnitten wieder als Vorläufer Wacken- 
roders und der romantischen Strömungen nennen durften, 
so steht er jetzt, zur Zeit des Erscheinens der „Herzens- 
ergiessmigen" auf entgegengesetztem Boden. Man mag 
das bedauern oder sich darüber freuen — Thatsache ist, 
dass sich beide Richtungen auf ihn berufen können, wie 
es ja vielleicht das Wertvollste grosser Persönlichkeiten 
ist, dass so viele verschiedene Strömungen von ihnen aus- 
gehen, so viele verschiedenartige Menschen an ihnen teil 
haben können. 

Welches nun der wahre, der echte, der vollendetste 
Goethe ist, — wer wollte behaupten, den objektiven Mass- 
stab zu besitzen, um das zu entscheiden? 

Zu jener Zeit, in den neun2iger Jahren, war Goethe 
der Meinung: „Die Kunst ist einmal, wie das Werk des 
Homeros, griechisch geschrieben, und derjenige betrügt 
sich, der da glaubt, sie sei deutsch." 

Wenn wir so gesehen haben, wie sich eine Reihe der 
bedeutendsten Geister des 18. Jahrhunderts entschlossen 
auf den clasaicistischen Standpunkt stellten, so begreifen 
wir, dass es ihr Entsetzen erregen musste, als man diese 
Unumstösslichkeit ihres Kunstglaubens anzuzweifeln be- 
gann — und noch dazu in so unbehülflicher, kindlicher 
Weise. Bei Winckelinann, dem Urheber dieses Dogmas, 
ist es die grandiose Einseitigkeit eines ganz von einer 



— 44 — 

hohen Lebensaufgabe erfüllten Menschen: eine Einseitig- 
keit, wie sie der grosse Umgestalter und Reformator 
braucht, die mit so zwingender Naturnotwendigkeit aus 
seinem ganzen Wesen und Werk hervorging, dass wir sie 
bei ihm gar nicht anders wünschen können. 

Anders freilich verhält es sich bei seinen Schülern 
und Nachfolgern- bei denen, die von ihm lernten. Da 
möchte man oft bedauern, dass sie solche Winekelmann- 
Gläubige wurden, wie Mengs z. B., und vei^assen, dass 
man einem Lehrer am besten dankt, wenn man nicht 
seia Schüler bleibt, sondern zu eigener Selbständigkeit 
ausreift. Was bei Winckelmann echt, innerste Natur war, 
wurde bei ihnen oft künstliche Ablenkung von natur- 
gemässeren Bahnen, tote, mühselig erworbene Nach- 
ahmung. 

Dann wieder lässt sich der classicistische Standpunkt 
am besten bei dem grossen Simplifikator Lessing recht- 
fertigen. Wenn sich uns die Menschen in zwei grosse 
Reihen scheiden, deren Typen Plato und Aristoteles sind 
und uns die künstlerischere, synthetische Natur Piatos 
näher steht, so giebt es doch wenige Gestalten, die so 
überzeugend die Notwendigkeit des kälteren, mehr zur 
Analyse neigenden Typus erweisen wie Lessing. Ef war 
wie Aristoteles der grosse Systematiker. Wenn die Roman- 
tiker, wie die Gefühlsmenschen überhaupt, die geheime 
Verwandtschaft aller Dinge empfinden und hervorheben, 
so sieht er überall die Grenzen, die Unterschiede, das 
Trennende. Die Relativität aller Dinge war nichts für 
ihn, wenn er die Technik des Dramas, der bildenden 
Künste geben wollte. Er brauchte Peststehendes — und 
wo hätte er das besser finden können als bei den grossen 
Gestalten der antiken Kunst, die in ihrer marmornen Ruhe 
und Abgeschlossenheit wohl als ewig gültige Typen er- 
scheinen können? Aber gerade das Grosse, das Wirkende 
in Lessings Kunstschriften musste einer Natur wie Wacken- . 
roder immer fremd bleiben. 



— 45 — 

Viel weniger originell ist der classicistiscbe Stand- 
punkt bei Georg Forster. Wie ihn die Schwäche seiner 
eigenen Natur zum Verständnis der christlichen Kunst 
führte, so haftet seiner Bewunderung der griechischen 
Kunst etwas Übernommenes, Conventionelles an. In seinem 
Verhältnis zur Kunst ist er ein wenig Bildungsphilister; 
es ist kein reines, unmittelbares Verhältnis. Ich glaube 
kaum, dass man annehmen darf, dass seine „Ansichten" 
auf Wackenroder gewirkt haben; was ihn Friedrich Schlegel 
näher brachte, war gewiss mehr die andere Seite seines 
Wesens, die auf Politik, auf praktische Neugestaltung des 
Lebens ausging. 

Die künstlerischen Anschauungen von Karl Philipp 
Moritz haben dagegen direkt und nachweisbar auf Wacken- 
roder gewirkt. Ueberhaupt finden wir ihn vor der Erlanger 
Zeit, vor der Unterweisung durch Koch durchaus als einen 
Schwärmer für „griechische Simplicität". Sein Lieblings- 
name ist „Agathon", den er unter eine Ode setzt, die 
Bernhardi in ein zu gründendes Journal aufnehmen will. 
In Dresden entzücken ihn schon 1793 die Antiken, denen 
er freilich nur einen flüchtigen Besuch abstatten konnte. 

Die genauere Kenntnis der altdeutschen Litteratur 
ist es dann, die ihm das Verständnis für mittelalterhche 
Kunst überhaupt öffnet, und in Nürnberg ist ihm Hans 
Sachs und das Herumstöbern in Bibhotheken ebenso wichtig, 
wie die Anschauung der Denkmäler bildender Kunst. 

Dass die nüchterne platte Kunstbetrachtung, wie 
sie im Geist der Aufklärung von Sulzer, Ramdohr, 
Racknitz u. a. geübt wurde, auf empfindsamere Gemüter 
nur abstossend wirken konnte, begreifen wir ohne weiteres. 
Aber auch Fernows Art, die Kunst nach Kantischen 
Principien zu fassen und zu ergreifen, nmsste Wacken- 
roder immer fremd bleiben. Ebenso die würdevoll be- 
lehrende Art Heinrich Meyers. Die „Propjiäen" hat 
Wackenroder ja nicht mehr erlebt; wenn er sie noch ge- 



— 46 — 

kannt hätte, so hätte er gegen sie gewiss manches auf 
dem Herzen gehabt — wie er schon zum voraus gegen 
ihre streng systematische, rechthaberische Art in seinem 
Aufsatz „Einige Worte über Allgemeinheit, Toleranz und 
Menschenliebe in der Kunst" (Herzensergiessungen 1797, 
S. 97 fif.) aufgetreten ist: ein Aufsatz, der meiner Ansicht 
nach überhaupt zu dem Bedeutendsten und Eigensten 
gehört, was Wackenroder geschrieben hat. 



Historische Kanstbetrachtang. 



Neben der von Winckelmann ausgehenden classi- 
cistischen Strömung ging gleich von Anbeginn an eine 
andere einher, die sich gegen das Dogma von der allein 
gültigen griechischen Kunst auflehnte. Aber sie blieb 
doch die schwächere bis zum Ende des Jahrhunderts, bis 
dann mit dem Siege der Romantik ihre Ideen auch in der 
bildenden Kunst Leben und Gestalt gewannen. 

Der Lehrer Winckelmanns und Goethes, Friedrich 
Oeser in Leipzig, war einer der ersten Träger dieser 
toleranteren, umfassenderen Richtung. Zwar hatten 
Winckelmann, Lessing und Goethe von ihm das Ideal der 
„Einfalt und Stille" gelernt; zwar ist ihm das Haupt- 
verdienst an der Verdrängung des Roccoccogeschmacks 
zuzuschreiben. ') Winckelmanns „Gedanken über die Nach- 
ahmung" waren in Oesers Hause entstanden; aber Oeser 
war durchaus nicht „Winckelmannianer" in seiner Kunst. 
Er selbst war Maler, Bildhauer, Kupferstecher, Architekt 
— man rühmte ihm „schätzbare Kenntnisse von der Garten- 
kunst, Chemie und Mineralogie" nach — da war es ganz 
von selbst ausgeschlossen, dass er Winckelmanns einseitig 
plastischen Standpunkt teilte. 

Was der junge Goethe also bei Oeser in der Zwischen- 
stunde lernte, hörte und sah, das war, wie Volbehr in 
seinem Buche: „Goethe und die bildende Kunst" 2) richtig 



1) Justi, Winckelmann I, 316. 

2) Volbehr a. a. 0. 65 f. 



— 48 — 

bemerkt, mehr im Sinne Hagedorns als Winckelmanns, 
wie ja Hagedorn neben Oeser der erste war, der Winckel- 
manns grandiose Einseitigkeit nicht teilte. Je länger man 
sich mit Hagedorn und seinen „Betrachtungen über die 
Malerei beschäftigt, die auf lange Zeit hinaus als der 
Inbegriff der Kunstweisheit geschätzt wurden, je mehr 
muss man sich über die wunderliche Weitherzigkeit wundern, 
mit der schon er allen Richtungen der Kunst gerecht zu 
werden suchte, mit der er alle Arten und Gattungen in 
sein Herz schloss. In seines Vaters Hause sind in der 
That viele Wohnungen; für alle ist Eaum: für die 
Olassicisten sowohl wie für die Eklektiker oder die 
Naturalisten. Er hält an der Lehrhaftigkeit der Kunst 
mit dem gleichen Eifer fest wie daran, dass die Kunst 
Vergnügen bereiten solle. Er preist die edle Einfalt und 
schwärmt für Bernini — er huldigt dem Gedanken von 
dem Zusammenhang der Kunst mit der Volksart — und 
verlangt von Eembrandt „edle Gestalten".^) 

Interessant ist, dass er vor Schiller^) bereits den 
Begriff der Schönheit von dem der Anmut unterscheidet: 
„Die Richtigkeit bringt das Gute nur an die Grenzen der 
Schönheit; der grosse, edle Schwung der Linien würden 
doch nur einen schönen Körper ohne Seele geben. Der 
Reiz würde fehlen, die Anmut, die dem allen noch die 
Krone aufsetzen muss. Die Anmut aber, diese Seele der 
Kunst, ist eben jene Ungezwungenheit in der Zusammen- 
schickung der Teile, die uns glauben macht, wir sähen 
die freiwirkende Natur selbst. Die Zusammenstimmung 
der Seelenbewegungen verleiht der körperlichen Schönheit 
Anmut und Würde. ^) Er tritt für die Verbindung 
zwischen Handwerk und Kunst, wie sie in Griechenland 
und im Mittelalter bestanden habe, ein und nimmt damit 



1) Volbehr, a. a. 0. 64. 

2) Auch Mendelssohns im Austausch mit Lessing entstandene An- 
schauungen ähnlicher Art wirkten auf Schiller später nach. Vgl. 
Erich Schmidt, Lessing I, 339 u. 530. 

3) Justi, Winckelmann 1, 331. 



— 49 — 

in gewisser Weise Wackenroders Forderung vorweg, dass 
eine innigere Einheit zwischen Kunst und Leben be- 
stehen solle. 

Die grosse Wirkung und das Verdienst des Hage- 
dornschen Werkes besteht nach Volbehr darin, dass er 
zu der Klarheit der Winckelmannschen Forderung die 
Unklarheit der Batteuxschen hinzugenommen und somit 
den Künstlern gleichzeitig ein Gefühl von festem Halt 
und von Freiheit gegeben hat.*) 

Mit energischer Abwehr gegen Winckelmanns „Nach- 
ahmung" sind auch die 1769 erschienenen „Theoretischen 
Abhandlungen über die Malerei und Zeichnung" geschrieben, 
deren anonymer Verfasser J. G. B. von Wichmannshausen 
ist (wie mir die Königliche Bibliothek in Berlin nach 
Kaysers Bücherlexikon mitteilte). 

Wenn Lessing im Laokoon sich gegen Historienbilder 
überhaupt gerichtet hatte*), so hält Wichmannshausen es 
nicht für nötig, die Stoffe für die Malerei immer nur der 
griechischen oder römischen Geschichte zu entnehmen; 
die Geschichte seines Jahrhunderts enthalte Stoff genug 
zum feinen Ausdruck der Leidenschaft und sei zugleich 
interessanter, wenigstens für Leute, die nicht alles, „ausser 
was nach Rom und Griechenland riechet", verachten. 
Wer k^nne sich beim Anblick der Calasschen Familie der 
Thränen erwehren? Oder bei der Enthauptung Karl I. 
gleichgültig bleiben? Freilich seien die Alten im Ausdruck 
der Leidenschaften unsere Vorgänger gewesen. „Aber 
muss man denn immer nachahmen?" fragt er. „Muss 
man denn immer so wie bei dem Vater der Iphigenie das 
Antlitz verhüllen, um das Fracas des grössten Schmerzes 
auszudrücken?" Die Kunstgelehrten sind es nach seiner 
Meinung, die die besten Genies verderben „durch den 
Bombast ihres Qötterstils, durch das Übertriebene, Ge- 
suchte in ihren Ausdrücken" — er wünscht deshalb, dass 



*) Volbehr, a. a. 0. 64. 

2) Erich Schmidt, Lessing I, 510 f. 

Palaestra XXVJ. 



— 50 — 

nur die Künstler selbst von Werken der Kunst urteilen 
möchten. Deshalb würden Sandrart und Preissler und 
Füssli einem denkenden Künstler immer höher stehen als 
der enthusiastische Winckelmann. Preissler habe den 
Torso auch gesehen, aber er habe es Winckelmann über- 
lassen, davon zu schreiben, der sich zum Theoretiker der 
Malerei aufwerfen und doch nur Gelehrter sei. 

Als das „Oberhaupt aller Arten Malerei" gilt ihm 
der göttlich erhabene Rubens, der in allem das Höchste, 
Vollkommenste geleistet, den kein Grieche, kein Römer 
jemals erreicht habe. Dass das grosse Genie sich auch 
ohne Studium der Antike entwickeln könne, dafür ist ihm 
neben Rubens auch Rembrandt ein Beweis. Nie werde 
man ihn dahin bringen, zu glauben, dass die Natur von 
den Antiken jemals übertroffen worden sei. Dass das 
Klima die Griechen ungleich reizender, vollkommener als 
in allen barbarischen Provinzen, scheint* ihm ein „elender 
Einwurf". „Wo sieht man weniger wohlgebildcte Leute als 
in Italien?" fragt er entrüstet. Und seine Abneigung 
gegen die Forderung der Nachahmung schliesst er endlich 
kurz und bündig dahin zusammen: „Die Caprice vor die 
Alten machte sie zu Mustern, weil der Geist der Nach- 
ahmung keine besseren wusste". 

Klopstock, der seine Dichterlaufbahn als „Lehrling 
der Griechen" begonnen hatte, trat dann bald — lange 
vor den Romantikern — für Religion und Vaterland ein. 
So konnte auch er Winckelmanns unbedingter Verherr- 
lichung des Griechentums nicht zustimmen. Er hat seine 
abweichenden Anschauungen immer wieder betont und 
setzte Winckelmann die Verse entgegen: 

„Nachahmen soU ich nicht und dennoch nennet 

Dein ewig Lob nur immer Griechenland. 

Wem Genius in seinem Busen brennet. 

Der ahm' den Griechen nach! Der Griech' — erfandl**M 

In der deutschen Gelehrtenrepublik sagt er in dem 
Capitel vom Hochverrat: „Hochverrat ist es, wenn Einer 

M Muther, Gesch. d. Malerei im 19. Jahrh. I, 109. 



51 






[behauptet, dass die Griechen nicht könnten überü-offon 
erden."') Und in dem 1770 im „Nordischen Aufseher"*) 
■erschienenen Aufsatz wiU er Winckelmanns Behauptung 
nur gelten lassen „für die Arten von Schönheiten, in 
denen sie uns übertroffen haben." Welches Genie würde 
nicht ersclireeken müssen, fragt er, wenn es sich nicht 
eriauben dürfte, an der Wahrheit jener Behauptung zu 
zweifeln? Füi' die Religion und das Vaterland solle der 
junge Künstler arbeiten — was gehe ihn die Geschichte 
der Römer und Griechen anl Wenn Winckelmann der 
Meinung ist, dass das Werk des Künstlers auf der 
Mythologie, auf den besten Dichtern der alten und neuen 
Zeit beruhen aolle, so yertritt Klopstock die Ansicht, dass 
"historische Personen auf einem Gemälde uns immer an- 
.ziehender sein würden als allegorische, obwohl er zugiebt, 
..dass der Geschmack durch ein gründliches Studium der 
lÄUegorie gereinigt werden künne. 

Die SchleBwigischen Litteraturbriefe Gerstenbergs, die 
an die Stelle der Lessingscheu traten, sind nicht nur für 
Shakespeare und das Volkslied, sondern auch für eine 
nationale, heimatberechtigte Kunst eingetreten. 

Den Kunstrichtern wäre überhaupt ein Geschmack zu 
'"Wünschen, der auf kein Weltalter eingeschränkt wäre, für 
kein Volk eine bestimmte Prädilektion habe. Zwar dürfe 
man hier Winckelmann ausnehmen; wer die Alten so kenne 
wie er, möge immer ein Enthusiast heissen und dennoch 
unsere wahre Hochachtung verdienen, vielleicht um so 
mehr, je weniger Seelen solcher Art von Übertriebenem 
föhig seien. Den Verfasser der Briefe entzücken die 
klassischen Vollkommenheiten der bewunderungswürdigen 
Alten mehr, als er ausdrücken kann; er ehrt auch die 
Meisterhand, die diesen Vollkommenheiten nachzueifern 
weiss: allein der seltene, der erhabene Geist, der kühn 
genug ist, selbst original zu werden, der das Zu- 



>) Huther, a.. a.. 0. 1, 109. 

•■') Nordischer Aufsthef 177U, 150. Stück. 25Ö ff. 



52 — 



jauchzen seinu* Nation seinem eignen inneren Werte und 
keiner Vergleichung mit andern verdanken will. — der, 
und der allein dringt ihm eine wahrhafte Bewnnderung 
ab, er ist ihm das, was uns and der Vorwelt die Altes 
gewesen sind, und er verzeiht ihm eben so willig die ge- 
ringen Flecken, die ihn manchem spröden Auge verächt- 
lich machen, ob sie gleich vielleicht niu- von der Hand 
der Zeit herrühren, als er jenen die ihrigen verzeiht.') 

In der Einleitung zum Neudruck der SchleBwigischMi 
Litteraturbriefe spricht Alexander von Weilen die Ver^ 
niutung aus, die hier kundgegebenen Gedanken Gersten- 
bergs hätten auf Herder eingewirkt, als er Winckelmana 
.,4en edlen Griechen unseres Vaterlandes" nannte und hei 
ihm vermisate, dass er wohl unter den Griechen em 
Grieche, aber nicht auch unter den Ägyptern ein Ägypter 
sei. Aber auch ohne Gerstenbergs Einwirkung würde es 
uns nicht wundern, den grossen Geschichtsphilosophen, 
der zuerst den Begriff des natürlichen Werdens in die 
Ästhetik einführt, auf Seiten derer zu finden, die de» 
Zwang des Systems und die einseitige Verherrlichung des 
Griechentums bekämpfen. 

Von allen seineu Zeitgenossen steht ihm Winckelmann 
am höchsten; er liest ihn mit derselben Andacht, wie er 
Homer und Piaton liest, und in seinem Zimmer hängBO 
die Bilder von Winckelmann und KJopstock, die ihm 
„zwei Enden des menschlichen Geistes, zwei Eztresie 
deutscher Originale, zwei Markgrafen deutscher Hoheit" 
sind.') Sein ganzes kunstgeschichtlicbes Denken ist dim^ 
ihn, von ihm beeinflusst. 

Dass er sich, durch Hamann angeregt, selbst mit der 
Hoffnung und dem Vorsatz trug, ein zweiter Winckelmann 
zu werden, geht aus einer Stelle im „Kritischen Wäldchen" 
über Winckelmanns Kunstgeschichte hervor: „Welch ein 

') Dt. Litt. Denkmale, Bd. 29/30, 45 (5. Schleswigischer Litteratur- 
brief)- 

») Lebensbild von J. 0. Herder, h^. v. s. Sehfl Emil Gottfried 
I, 2, 237. 



I 



63 



$ 
^ 



Wunsch wäre es, in Weisheit und Dichterei der Griechen 
mir selbst das sein zu kOnnen, was Winckelmann in Ab- 
sicht auf die Erklärung ihrer Kunst geworden ist." Ge- 
weckt durch diese Sätze schrieb Friedrich Schlegel später 
seinen Torso einer „Geschichte der Poesie der Griechen 
und Römer."') 

Ein eigentümlicher Zufall hat es, wie Haym be- 
richtet*), gefügt, dass überall da, wo Herder sich mit 
Winckelniaan beschäftigt, nur das begeisterte Lob zum 
Druck gelangte, die Ausstellungen aber, die er zu machen 
hatte, erst nach seinem Tode erschienen,') Aber so hoch 
er ihn verehite, er hat doch das Beschränkte und Ein- 
seitige dieser Na>chahmuiigstheorie entdeckt. Er hat das 
GefSiiriiche einer Kunstbetrachtung erkannt, die ein „Lehr- 
gebäude" statt vorurteilsloser historischer Betrachtung 
ßiebt. Er sab, wie ungerecht Winckelmann mit seinem 
griechischen Massstab gegen die Ägypter wurde, deren 
Seiiüler die Griechen nach Herders Meinung doch sind — 
und so versuchte er es, mit den „Ägyptern ein Ägypter' 
zu sein. Er wird gleichsam selbst ein Ägypter und iässt 
diesen eintreten in die Hallen voll handelnder griechischer 
ßtatuen und giebt der verwirrenden Empfindung Ausdruck, 
welche denjenigen befallen würde, der in den Statuen 
nur ein „verateintes, ruhiges Reich der Todten erblicken 
wollte." *) 

Er hat unter Youngs Einüuss gestanden, als er sich 
in der Umarbeitung der zweiten Sammlung seiner „Frag- 
IBente"mit dem Problem der „Nachahmung" auseinandersetzt. 
Er ist wie Young der Meinung, dass die Beispiele der 
Alten uns zaghaft machen und unsere eigene schöpferische 
Kraft niederhalten. Nicht ihre Werke, ihren Geist sollen 
wir nachahmen — zur Nachahmung unser selbst über- 



») Haym. Herder 1, 152 f. 
J) Haym, Herder 1, 1S5. 

8) Sowohl das „PragmentstÜclf, wie das , Kritische Wäldchen 
■fiber die KunstKeBchichte", wie die „Labschrift auf Winukeimann", 
*) Haym, Herder I. 190. 



— 54 — 

gehen. Das hatte auch Klopstock, wohl ebenfalls unter 
Youngs Einfluss, gefordert. 

Im „Wäldchen" über den „Laokoon" tritt Herder dann 
ausdrücklich dem übertriebenen Gräcismus Winckelmanns 
und Lessings entgegen. Stand er durch seine geniale Fähig- 
keit des Nachempfindens auch Winckelmanns begeisterter 
Anschauung nahe, so bewahrte ihn doch sein Sinn für die 
Poesie des Orients, für die nordische Poesie, seine Weit- 
herzigkeit für alles Menschliche vor der einseitigen Be- 
geisterung für das Griechentum. Ihm erschien, wie den 
Romantikern später und uns Heutigen wieder, das 
Griechische nur als eine besonders leuchtende Gegend im 
Gebiet des Menschlichen.^) Das schöne Gleichgewicht 
zwischen Tapferkeit und Empfindung, das Lessing allein 
den Griechen zuschreibt, ist nach Herder nicht nur einer 
einzelnen Nation, sondern einem bestimmten Culturstand- 
punkt eigen. An Stelle parteiischer Bewunderung tritt 
bei ihm ein mehr als ästhetisches, ein menschlich- 
historisches Verhältnis. 

Auch in seinen übrigen kunstwissenschaftlichen Werken, 
vor allem in der „Plastik", die sich im Wesentlichen mit 
dem „Vierten Kritischen Wäldchen" gegen Riedel deckt 
— sie war A. Wilhelm Schlegels Liebling unter Herders 
Schriften — , fordert Herder historisches Begreifen und 
erklärt allem leeren Formalismus den Krieg. „Die Natur 
hasset Abstrakta; sie gab nie einem Alles und jedem das 
Seinige auf die seineste Weise." 2) In Rom haben ihn dann 
freilich die Werke der Skulptur mehr angezogen „als alle 
Wunder und Zeichen Raphaels", wie er am 29. November 
1788 an Frau von Diede schreibt, nachdem er über einen 
Kunsttheoretiker, wie Ramdohr, ebenso den Stab ge- 
brochen, wie Wackenroder es später thut. Ihm steht, 
wie er 1795 in der sechsten Sammlung der „Humanitäts- 
briefe" noch ausführt, die Plastik deshalb so hoch, weil 



1) Haym, Herder I, 23ö. 

2) Herder, Werke ed. Suphan 8, 89. 



— 65 



I mi 



I unt 



sie sich mit den Gebilden des Menaclien beschäftigt. (Sein 
Pygmalion" isi durch Ä. W. Schlegels; „Bund der Kirche 
mit den Künsten" hervorgerufen.') Aber wenn er auch 
i^durch eine Bevorzugung der PJaBtik gewissermassen der 
!unBt der Griechen näher gebracht wird, als der modernen 
"der Malerei, wenn er sogar im dritten Teil der „Ideen 
zur Philosophie der Geschichte" zu einem fast ebenso be- 
geisterten Lobredner der Griechen wird, wie Winckelmann 
{worauf die mit Goethe neu geknüpfte Freundschaft wohl 
nicht ohne Einllusa gewesen war*), so hatte ihn doch die 
Weite seines historischen Blickes vor einer engherzigen 
.Unterschätzung der modernen Kunst bewabrt. In der 
lastik" und im „Vierten Kritischen Wäldchen" wendet 
sich daher „gegen jene erbärmUcben Kritiken, jene 
.seligen und verengenden Kunatregein, jenes bittersUsse 
, vom allgemeinen Schönen", woran sieb der 
Wnger verdirbt, das dem Meister ekelt und das doch der 
Lennerische Pöbel als Weisheitssprüehe im Munde führt."') 
Schatten und Morgenrot, Blitz und Donner, Bach 
[und Flamme kann der Bildhauer nicht bilden, aber warum 
.soll dies deshalb auch der Malerei versagt sein? Was 
^Jhat diese für ein ander Gesetz, für andere Macht und 
leruf, als die grosse Tafel der Natur mit allen ihren Er- 
scheinungen in ihrer grossen, schönen Sichtbarkeit zu 
schildern? Und mit welchem Zauber thut sie dies! Die 
sind nicht klug, die die Landschaftsmaleroi, die Natur- 
stitcke des grossen Zusammenhangs der Schöpfung ver- 
achten, heruntersetzen oder gar dem Künstler offenernstlich 
untersagen. Ein Maler, und soll kein Maler sein? Bild- 
_8Ö.ulen drechseln soll er mit seinem Pinsel, und mit seinen 
Tben geigen, wie's ihrem antiken Geschmacke behagt. 
ie Tafel der Schöpfung schildern ist ihnen unedel; als 
ob nicht Himmel und Erde besser wäre als eine alte Bild- 
säule.*) Gewiss, die griechischen Denkmale stehen im Meer 

>) Haym, Herder ü, 777. 
») Haym, Herder II, 227. 
8) Herder, ert. Saphan 8. 15. 
«} Ebenda 8, 16 f. 



— 56 — 

der Zeit als Leuchttürme da, aber sie sollen nur Freunde 
sein und nicht Gebieter. „Malerei ist eine Zaubertafel, so 
gross als die Welt und die Geschichte, in der gewiss nicht 
jede Figur eine Bildsäule sein kann oder soll. Im Gemälde 
ist keine einzelne Figur alles; sind sie nun alle gleich 
schön, so ist keine mehr schön. Es wird ein mattes 
Einerlei langschenkliger, gradnäsiger griechischer Figuren, 
die alle dastehen und paradieren, an der Handlung so 
wenig teilnehmen wie möglich, und uns in wenigen Tagen 
so leer sind, dass man in Jahren keine Larve der Art zu 
sehen vermag. Und nun, wenn diese Lüge von Schönheit 
zugleich der ganzen Vorstellung, der Geschichte, dem 
Charakter, der Handlung Hohn spricht und diese jene 
offenbar der Lüge zeihet! Da wird ein Misston, ein Un- 
leidliches aus dem Gemälde, das zwar der Antikennarr 
nicht gewahr wird, um so mehr aber der Freund der 
Antike fühlet. Und endlich wird uns ja unsere Zeit, die 
fruchtbarsten Sujets der Geschichte, die lebendigsten 
Charaktere, alles Gefühl von einzelner Wahrheit und Be- 
stimmtheit hinweg antikisiert. Die Nachwelt wird an 
solchen Schöngeistereien von Werk und Theorie stehen 
und staunen, und wissen nicht, wie uns war, in welcher 
Zeit wir lebten, und was uns denn auf den erbärmlichen 
Wahn brachte, zu einer andern Zeit, unter einem andern 
Volk und Himmelsstrich leben zu wollen, und dabei die 
ganze Tafel der Natur und Geschichte aufzugeben oder 
jämmerlich zu verderben." *) 

Die Forderung des Historischen und Individuellen 
entspringen aus einer Wurzel. Aber er macht dennoch 
den Versuch, die heterogenen Geschmacksrichtungen durch 
ein ideales Band zu vereinigen: das allen gemeinsame 
Streben nach Vollkommenheit, nach Schönheit. „Beweiset 
nicht selbst dieser Proteus von Geschmack, der sich 
unter allen Himmelsstrichen, in jeder fremden Luft, die 
er atmet, verwandelt, — beweiset er nicht selbst mit 
der Ursache seiner Verwandlung, dass die Schönheit 

1) Herder, ed. Suphan 8, 33 f. 



67 — 






nur Eins sei, so wie die Vollkommenheit, so wie die 
Wahrheit?" ') 

Auf diese Höhe des historischen Standpunktes, wie 
sie bisher noch nicht erreicht war, ist Wackenroder in 
seiner schlichteren, liindUcheren Art ihm dann gefolgt: 
auch er will „über alle Völker und Zeiten seinen Blick 
schweifen lassen und an allen ihren EmptinduQgen und 
Werken der Empfindung das Menschliche herausfühlen."") 
Was ist das Anderes, als wenn Herder es für erstrebens- 
wert hielt, „sich von den Unregelmässigkeiten einer zu 
singulären Lage loszuwickeln und endlich, ohne National-, 
Zeit- und Personalgeschmack das Schöne zu kosten, wo es 
sich findet in allen Ländern und Zeiten und allen Völkern 
und allen Künsten und allen Arten des Geschmacks; 
überall von allen fremden Teilen losgetrennt, es rein zu 
schmecken und zu empfinden. Glücklich, wer es so kostet! 
Die Sphäre seines Geschmackes ist unendlich, wie die 
Geschichte der Menschheit: die Linie des Umkreises liegt 
auf allen Jahrhunderten und Produktionen, und Er und 
die Schönheit steht im Mittel|>unkte!" ^) — 

So dürfen wir es wohl auch unterschreiben, wenn 
Witkowski*) Herder den grössten Historiker nennt „unter 
den Heroen der deutschen Litteratur des 16. Jahrhunderts, 
welche die Kunstwissenschaft in ihr Bereich zogen" — 
denjenigen, der mit prophetischem Blick die Bahnen am 
klarsten erkannte, welche die Kunstforschung beschreiten 
musste, um zu einer Wissenschaft zu werden — , Bahnen, 
auf denen sie heute noch wandle. In diesem Sinne stehe 
Herder in der Geschichte der Kunstgeschichte sogar noch 
Über Winckelmann. Ein wenig von diesem Lobe fällt 
dann wohl auch auf seinen Nachfolger Wackenroder, der 
gerade diese Ideen Herders wieder aufnahm und für die 
bildende Kunst fruchtbar machte. 

>) Werke IV. 41. 

1) He rzensergi essungen 1797, H, 107. 

1) Werke IV, 41. 

*) Spemaniia Goethe XXX, S. XI. 



— 60 



eine Apologie von Rubena in seinen prächtigen Düsseldorfer 
„GemRldebriefen," „Es ist thöricht, von einem Künstler 
zu fordern, er soll alle Formen umfaesen," meint Goethe 
damals. „Bedenke, dass jeder Menscbenkraft ihre Grenzen 
gegeben sind." 

Auchdieöedichte: „Küßstlers Erden wallen", „KUnstlers 
Abendlied", „Kenner und Künstlern", „Kenner und En- 
thusiast" sind in dieser Zeit entstanden, Gedichte, von 
denen Minor nachgewiesen hat, wie verwandt ilire hohe 
Kunstbegeisterung den Wackenroderschen „Herzens- 
ergiesaungen" ist und wie sie aller Vermutung nach auch 
auf Waekenroder nnd Tieek eingewirkt haben.') Direkt 
gegen den Glassicismus hatte es sich gerichtet, wenn er 
in dem Aufsatz „Von deutscher Baukunst" gesagt hatte: 
„Ihr selbst, treffliche Menschen, denen die höchste Schönheit 
zu geniessen gegeben ward, ihr schadet dem Genius, er 
will auf keinen Flügeln, und wärens die Flügel der Morgen- 
röte, emporgehoben und fortgerückt werden."*) 

Wie sich die Vorliebe für die Niederländer und Albrecht 
Dürer in Weimar zuerst noch fortsetzt, wie sich dann 
allmählich durch eine Reihe äusserer Einflüsse sein Stand- 
punkt verschiebt, wie er durch die Lektüre von Menge u. a., 
durch das Studium der Naturwissenschaften und von der 
Conceptionder„Iphigenie" an immer mehr zu ganz entgegen- 
gesetzten Kunstanschauuogen gedrängt wird, die sich dann 
nach der Itahenischen Reise völlig befestigt haben — das 
alles im einzelnen darzulegen, kann hier nicht unsere Auf- 
gabe sein.') Sicher ist: der ästJietiscäe Subjektisismus, 
wie Volbehr*) die gerechte hiatoriscJie Kunstbetraehtuag 
Herders und der Romantik nennt, hat gerade in dem jungea 
Goethe einen seiner bedeutendsten Vertreter und beredtesten 



') Minor, Klassiker und Romantiker. Goethe- Jahrb. 10, 226 f. 

2) Von Deutscher Baukunst (D. Litt. Denkm. Bd. 40/41. 91. 

s) Vgl. Goethes Werke. Spemann, Bd. XXS.. herausg. v. Gotthold 
Meyer u. Witkowski, wo 'äch «itugaogi^ rin reiehholtigeB Vefseichnis 
der Schriften über diesen Gegenstand findet. 

*) Volbehr. S. 118. 



— 61 — 



"Verteidig« gefuBden. Damals antwortete ihm der Dresdner 

Akademieprofessor August Krubsacius auf seine Dithyramben 
„Von Deutscher Baukunst" in derselben Weise, wie Goethe 
seibat dreissig Jahre später ton dem Standpunkte der 
„Propyläen" aus der inzwischen erstarkten Richtung ant- 
wortete: „da sei's am besten, wenn man allen Unterricht, 
a,Ue Grundsätze und Regeln in den Künsten verwerfe; 
denn so kiinne man ohne viel Studieren, wenn man nur 
Mötterwitz habe, bei allen Unwissenden ein grosses Genie 
beissen; wenn Goethe aber mit seiner Begeisterung für 
charakteristische Kunst sagen wolle, ein jeglicher Kunstler 
müsse Genie haben, so habe er damit etwas sehr Gemeines 
und Altes gesagt.') 

Was Wilhelm Heinse als Kunstscbriftsteller bedeutet, 
dass er in Sachen der bildenden Kunst selbst Goethe und 
Herder an Feinheit des Blickes und an kunstgeschichtlicher 
Kenntnis hoch überragte, haben Hettner*), Sulger-Gebiug') 
und neuerdings Jessen*) überzeugend dargelegt. Siilger- 
Gebing behandelt hauptsächlich die zuerst im Teutschen 
Merkur veröffentlichten „Gemäldebriefe" Heinses uud seine 
Apologie von Rubens, wobei sich herausstellt, dass Heinse 
— neben gelegentlichen Äusserungen Goethes — nahezu 
der Einzige ist, der künstlerischen Scharfblick genug besitzt, 
die hohe Bedeutung von Rubens in der Zeit der Mengs 
und Wtnckelmann zu erkennen. Hettner bricht eine Lanze 
für den „Ardinghelio", der iiiit seinen von feinsinnigster 
Empfindung zeugenden Kunsturteilen, trotz seiner künst- 
lerischen Mängel als Roman, doch eine der denk- 
würdigsten und geistvollsten Schöpfungen der deutschen 
Litberatur sei. 



") Ouriitt, Die deutsche Kuiisc im 19. Jalirliumierl. 190O. S. i. 
s) Hettner, Gesuli. der lieutsdien Lilterütur, 18U9, 111.293; IMW. 



ä) Sulger-Gebing, Zeitsthrill f. vgl. LitteraturgescJi. 1898, XII. 



*) Jessen, Heinses Stellung aur bild, Kunst u. ihrer Ästhetik. 
I Berliner Dlss. 1901. Paiaestra XXI. 



62 



Jessen weist dann darauf hin, d;vss Heinse gegea 
"Winckelmanns P'^indamentalsatz von der Nach ahm ung der 
Griechen energisch Front macht.') Wenn er auch später, 
in Italien, was die Plastik angehe, dem Einflnss des grossen 
Philhellenen erliege — bis dahin könne er sich nicht genug 
thun in Bekämpfung des unbedingten Classicismus. Aus 
I der Zeit nach Abfassung der „Gemäldebriefe" stammt wohl 
1 sein Resum«^ im Kampf gegen Winckelmanns Eanonisierung 
'der griechischen Kunst: „Alle Kunst ist menschlich 
1 und nicht griechisch."*) 

1 In der That, wenn man das Vorurteil, das Goethes 

späteres hartes Verdikt gegen Heinse erweckt, einmal 
überwunden hat, so ist man fast geblendet von dem Glanz 
und der Pracht seiner Natur- und Gemäldeschilderungen 
— es scheint wirklich, wie Hettner sagt, noch Leute der 
leuchtende Farbenzauber der südlichen Sonne darüber zu 
liegen. Vielleicht empfindet man denContrast um so schärfer, 
wenn man sich soeben durch die kunstwissenschaftlichen 
Schriften der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch- 
gelesen und empfunden hat, wie in ihnen trotz des besten 
Willens noch so gar viel graue Theorie blieb. Bei Heinse 
ist alles Leben und Geist geworden; er lässt die Schönheit, 
die er geniesst, greifbar vor unseren Augen entstehen und 
uns mitgeniessen, so dass wir Hettner nur zustimmen 
können, wenn er Heinses Gemäldebriefe sowohl wie die 
im „Ardinghello" befindlichen Schilderungen italienischer 
Meisterwerke durch die Tiefe ihrer künstlerischen Einsicht 
und die seltene Gabe, das Eigenartige bildender Kunst mit 
offenen Augen zu fühlen und der Phantasie des Lesers 
anschaulich zu machen, zu dem Herrhchsten und Bm- 
pfundensten aller Kunstlitteratur rechnet.') 

Von diesem hohen künstlerischen Standpunkt aus war 
es ihm auch möglich, noch viel energischer und packender. 



1) Jessen, a. a. 0., 22. 

^) Heinae. Nachlasa-Hett 32, Bl. 53. 

B) Hettner, a, a, 0. S. 287. 



— 63 



L als selbst Herder und Goethe es veniiocbt hatten, gegen 

[die Einseitigkeit des Ciasei cisnuis zu kämpfen. Es ist seine 

[iDnerste Überzeugung, dass die Kunst sich nach dem Volke 

f zu riehten habe, unter welchem sie lebt.') Wenn ii-gendwo, 

[ so ist ibm an Rubens diese Anschauung aufgegangen: 

I „Meister, die sich an italienische Gestalt gewöhnt haben, 

r können nicht begreifen, wie Rubens den tiefen Eindruck 

in aller Herzen zu seiner Zeit gemacht habe und noch 

! bei Menschen macht, denen sie warmes, inniges Gefühl der 

' Schftnheit der Kunst nicht absprechen können, da er nicht 

ein einziges Mädchen gemalt, das nur mit einer hübschen, 

[ römischen Dirne in einen Wettstreit der Schönheit sich 

I einzulassen imstande sei. Lieben Leute, Wasser thufs 

[ freilich nicht! Rubens hat, zum Beispiel nur, in seine 

besten Stücke meistens eine seiner Frauen zu einer der 

weiblichen Hauptfiguren genommen, und an diesen kannte 

er jeden Ausdruck der Freude und des Schmerzes, der 

Wehmut und des Entzückens und alles Nackte: dies wieder 

treffend, wie reine Erscheinung, dargestellt, musste wirken 

I und ewig wirken — denn Lehen allein wirkt im Leben! 

Eine Donna von Venedig war ihm nie so zum Gefühl 

geworden, noch weniger Lais und Phryne, die er nie mit 

Augen gesehen. Und wer will ausserdem verlangen, dass 

er an die Generalstaaten holländisch mit griechischen Lettern 

habe schreiben sollen? Winckelmanu vielleicht in seiner 

Schwärmerei — aber gewiss nicht, wenn er sonst bei guter 

Laune gewesen. Jeder arbeite für das Volk, worunter 

ihn sein Schicksal geworfen und er die Jugend verlebt 

hat, suche dessen Herz zu erschüttern und mit Wollust 

und mit Entzücken zu schwellen — suche dessen Lust und 

Wohl zu verstärken und zu veredeln, und helfe ibm 

weinen, wenn es weinet! Jedes Volk, jedes Klima hat 

I seine eigene Schönheit, seine Kost und seiu Getränke — 

I und wenn achter, wilder ßUdesheimer nicht so öl-, mark- 

und feuersttss ist wie der seltene Klazomener, so ist er 



I) Heinse. S. S, hsg. v. H. Laube 1838. 8. Ilt4. 



— 64 — 

doch wahrlich auch nicht zum Fenster hinaus zu schütten. 
Und desgleichen war Rubens sein Getränke und seine 
Schönheit in Mann und Weib." Gegen die Kunstrichter, 
die „einen jüngsten Tag halten und die Urformen der 
Schönheit verlangen, statt sich dem wirklich Erreichbaren 
und den auch in der Kunst berechtigten nationalen Ver- 
schiedenheiten zurechnen, wendet er sich*) und gegen die 
verkehrte Art der Künstlererziehung „durch das voreilige 
Gestör an den Antiken."^) „Sie fingen bei der obersten 
Stufe an und meinen, dass man die andern alle überspringen 
könne, ohne zu bedenken, dass bei der Kunst wie bei der 
Natur, eben so wenig etwas per saltum geschehe." Dem 
Einwand, dass das der schönen Form wegen sei, die in 
der Natur selten oder nie sich finde, begegnet er mit 
der Antwort, die Sulger-Gebing die „künstlerische Ästhetik 
des Sturmes und Dranges in nuce" nennt: „dass es keine 
echte Form ohne Bedeutung gebe, und dass, wer die Be- 
deutung nicht versteht, auch die Form nicht erkennen, 
viel weniger sich eigen machen kann.^) Ihm ist jede 
Form lebendig, und es giebt keine abstrakte für ihn. Alle 
Schönheit entspringe aus Art und Charakter, so wie jeder 
Baum aus seinem Keim wachse. Mit den schärfsten 
Worten weist er den Eklekticismus eines Mengs zurück: 
„Die Natur bringt nichts Geflicktes hervor; demnach darf 
es auch die Kunst nicht. Der Kopf des Apollo würde auf 

dem Rumpf des Antinous Prahlerei sein Und 

was kann anderes herauskommen, wenn die Virtuosen da 
ein Bein abmalen, dort einen Kopf und hier einen Arm? 
Da etwas von Raphael noch dazu nehmen und dort von 
Tizian?"*) Es könne einer Bedeutung haben in gewisser 
Hinsicht wie Raphael, Anmut wie Correggio, Wahrheit 
der Farben wie Tizian — und doch nur ein mittelmässiger 
Maler sein, wenn ihm die Naturgabe fehle, das Malerische 

1) Heinse, a. a. 0. 205. 

2) Heinse 206 f. 

3) Heinse 210 f. 
^) Heinse 214 f. 



66 



P 



in einer Begebenheit in ein neues, lebendiges Q-anze zu 
bringen, woran das Herz sich laben und die Seele er- 
quicken könne. „Was sollen uns alle klassischen Figuren, 
die uns keinen Genuss geben? O heiliffe Natur, die Du 
alle deine Werke hervorbringst in Liebe, Leben und 
Feuer, und nicht mit Zirkel, Lineal und Nachäfferei 
^ Dir allein will ich ewig huldigen!"') Wie Wackeo- 
roder später ist er der Meinung, dass die Kunst nicht 
erlernbar ist: „Das lernt sich nicht, wie das Rechnen, ist 
freie Kunst, keinem Lehrer unterworfen". 

Gegen Winckelmann und Lessing betont er die Be- \ 
deutung der Farbe für die Malerei: „Das Zeichnen ist ■ 
bloss ein notwendiges Übel, die Proportionen leicht zu 
finden; die Farbe ist das Ziel, Anfang und Ende der 
Kunst". Und wir wundern uns nicht, bei dem, der ein 
so empfängliches Äuge liir landschaftUche Schönheit hatte 
und sie so anschaulich zu schildern wusste, auch eine 
warme Verteidigung der von den Classieisten verachteten 
Landschaftsmalerei zu finden. „Winckelmann verachtet 
zwar alle Landschaften, weil man nicht daraus lernen 
könne. Einen so Üachen und allgemeinen Grundsatz sollte 
man nicht von einem Manne erwarten, der sich so lange 
mit der Kunst beschäftigte. Die Seele der Kunst ist 
Schönheit — und weder Lehre noch Warnung".'') Ist so 
Heinse der bedeutendste Vertreter des national-berech- 
tigten Schönen vor Wackenroder, teilt er mit ihm das 
intensive Interesse für Musik neben der Liebe zur bildenden 
Kunst, 30 lassen sich doch andererseits schwerlich grössere 
Gegensätze denken als der kraftgeniale Stürmer und 
Dränger und der schwermütig ernste Klosterbruder. 
Während Wackenroder die Schönheiten Nürnbergs wieder- 
entdeckt, findet Heinse die Stadt „betrübt und weinerlich", 
rWie er an Gleim schreibt.*) Am stärksten aber zeigt sich 

1) Heinse 8, 224. 

>) Heinse S, 175- 

*) Briefw. zw. Gleim und Heinse, hrsg. v. Karl Schuddekopf 
1894, S. 44. 1. Hälfte. (Quellenschriften zur neueren deutsclien Littera- 
turgeachichte, brBg. v. Albert Leitzmann, ll.J 
FiluMin XXVl. 



diese Verscliiedenheit in der Auffassung Raphaela. WUlirend 
er für Wackenroder nur der Madonnenmaler ist, der edle, 3 
froimiie Jliogling Raphael, weiss Heicse iminer wieder 1 
davou zu berichten, wie Raphael sich im Sinnengenusa l 
aufgerieben. Sie schufen sich beide Raphael nach ihreni 1 
Bilde — nur dass man dem Bilde, das Heinse sich ge- J 
I ' staltete, (^rÜBSere Wirklichkeit und Berechtigung zugesteheivJ 

II muss, als dem des weltfremden Träumers Wackenroder.^ 
' Sehr zu bedauern ist, dass der halbvollendete Aufsati 
Wackenroders Über Rubens, den Tieck bei der Heraus-d 
gilbe der nachgelassenen Schriften Wackenroders zurtlck-j 
gelassen hat, verloren gegangen ist und wohl schwerlid&v 
wieder zum Vorschein kommt. Da Wackenroder nur übt-rf 
solclie Gegenstände schrieb, die ihm wirklich lieb waren i 
und am Herzen lagen, so ist anzunehmen, dass auch ei' 1 
darin Rubens gefeiert hat. Vielleicht hätte sich darausf 
eine neue Beziehung zwischen dem Kunstapostel der*! 
Romantik und dem des Sturmes und Dranges ergeben. 

Neben Heinses Namen wäre noch der seines Genossen 
zu nennen, mit dem er in Rom in engster Freundschaft 
verbunden lebte: Maler Müller. Hettner nennt ihn den 
Romantiker der Sturm- und Drangperiode. Vor den 
Romantikern greift er zur alten heimischen Sagenwelt 
zurück und seine Genoveva ist neben Goethes Götz das 
bedeutendste dramatische Werk des Sturmes und Draugcs. 
Wichtiger für uns hier ist, was er als Maler und Kunst- 
schriftstellor geleistet. Da ist keiu Zweifel, dass er nicht 
zu den Classicisten gezählt werden darf. Bevor er Italien 
und Michel Angelo kannte, der dann sein höchstes Vor- 
bild wurde, fühlte er sich stark zu den Niederländern hin- 
gezogen, und Merck rühmte im Deutschen Merkur ') eine 
Kopie nach Wouvermami. Wenn er dann später im Er- 
scheinungsjahr der „Herzensergiessungen" den heftigen 
Angriff auf Carstens oder besser noch auf dessen Lob- 



') Deutscher Merkur 1781, 4, 169. 



— 67 



redner Femow unternimmt') (durch Goethes Vermittlung 
war der Aufsatz in die Hören gelangt), so spricht doch 
mehr das gekränkte Selbstgefühl des Künstlers, als dass 
er sich in voller Klarheit gegen Carstens theoretische, 
künstlerische Ideale gewandt hätte. Freilieh betont er die 
Abhängigkeit des Künstlers von seiner Zeit, von dem 
Boden, auf dem er steht. „Könnte bei solchem Mangel 
an Gelegenheit, fragt er, auch der mächtigste Genius un- 
erwartete Schritte thun, der, wenn er auch mit der Stirn 
sich in die Wolken hebt, dennoch wie ein Baum mit der 
Wurzel in der Erde, auf sein Jahrhundert sich begründen 
muss? Denn wo dem Künstler nicht sein Jahrhundert 
Amboss ist, und im Geiste der Zeitgenossen keine zum 
Anteil bereitwillige Materie für ihn liegt, wird zum 
Sehmieden sein Arm vergeblich den Hammer durch die 
Luft treiben, strotzte auch jede seiner Adern von prome- 
theischer Kraft." ^) 

In demselben Jahrgang der Hören (1797) öndet sich 
auch der Aufsatz von Hofrat Hirt über „Oharakteristik 
als Hauptgrundsatz des Kuustschöneu". In diesem Be- 
griffe findet er die Basis zn einer richtigen Beurteilung 
des Kunstsehönen. Er versteht darunter „jene bestimmte 
Individualität, wodurch sich Formen, Bewegung und Ge- 
berde, Miene und Ausdruck, Lokalfarbe, Licht und Schatten, 
Helldunkel und Haltung unterscheiden, und zwar so, wie 
der Gegenstand es verlangt". Nur dadurch kann nach 
seiner Meinung ein Kunstwerk ein eciiter Ausdruck der 
Natur werden. Infolgedessen wendet er sich sowohl gegen 
Winckelmann wie gegen Lessing, denn nach seiner Ansicht 
ist das erste Gesetz der bildenden Künste bei den Alten 
weder die edle Einfalt und stille Grösse, noch die Schön- 
_heit — sondern aueli bei ihnen die Charakteristik. 



') Vgl. SehriftBn der Goethe-Gesellschaft, hsg. von Erich Schmidt 
i Bernhard Suphan 8, 164. 

*) Schillers Hören 17B7, Stück 3.21 f., Schreiben des Maler 
r aue Boiii. 



Im „Reichsanzüigcr" desÄthenäums') von 1799 spottel 
maii tiher diese Entdeckung Hirts und seine Absicht, eil 
vollständige Geschichte der bildenden Künste bei den AI' 
zu geben, worin er zeigen wolle, dass die Charakterißl 
der Hauptgrundsatz derselben gewesen sei. Dieses merl 
würdige Princip bestehe bei ihm darin, dass in der altes 
Kunst „ein Pferd völlig wie ein Pferd, ein Centaur wiei 
ein Centaur" abgebildet wurde. Dazu komme noch „die 
Jndividuellheit der Attitüde" (Archiv 98, St. 11,439). 

Aber auch Friedrieh Schlegel selbst war im Jahre 
1797 schon so weit von seiner „Objektivitätswut" zurück- 
gekomraen, dass er in Beichardts Lyceum schreiben konnte; 

„Die Alten sind weder die Juden, noch die Christen, 
noch die Engländer der Poesie. Sie sind nicht ein will- 
kürlich ausgewähltes Kunstvoik Gottes, noch haben sie 
den alleinseligmachenden Schönheitsgi auben, noch besitzen 
sie ein Dichtungsmonopol." Und in einem andern Fragment 
sagt er; „Man sollte sich nie auf den Geist des Altertums 
berufen wie auf eine Autorität. Es ist eine eigene Sache^ 
mit den Geistern; sie lassen sich nie mit Händen greifrai 
und dem Andern vorhalten. Geister zeigen sich nur 
Geistern. Das Kürzeste und Bündigste wäre auch hier, 
den Besitz des alleinseügmachenden Glaubens durch gute 
Werke zu beweisen". 

Es war daher nicht so absolut ausser allem Zusammen- 
hang mit voriiergehenden Strömungen, wenn 1797 Wacken- 
roder schreibt; „Warum verdammt Hir den Indianer nicht, 
dass er indianisch und nicht unsere Sprache redet? Und 
doch wollt Ihr das Mittelalter verdammen, dass es nicht 
solche Tempel baute wie Griechenland? Nicht blos unter 
italienischem Himmel, unter majestätischen Kuppeln uad 
koriiithischen Säulen — auch unter Spitzgewölben, kraua 
verzierten Gebäuden und gotbischen Türmen wächst wahre-, 
Kunst hervor".^) 



I 



') Athenäum 1790 II. 2, 332. Vgl. W. Schlegels „Flaxman". 
3) Herzensergiessungen 1T97, 8. 102 u. 129. 



69 



Es ist schwer zu bestimmen, wfilche der vorher- 
genaonten Künstler und Schriftsteller direkt auf ihn ein- 
gewirkt Laben. Wenn Sulger-Gebing schon mit Becht 
bemerkte, dass auch ein Aufenthalt in Italien, den er so 
ersehnte, wohl sein Ansehauungsiiiaterial bereichert, aber 
kaum seine Änscbauungsweise geändert hätte, so könnte 
man ähnliches wolil in Bezug auf seine Lektüre sagen. 
Auch wenn er alle die Schriften gekannt hätte, die schon 
vor ihm in ihrer Weise für eine universale Kunstbetrachtung 
eintraten — den Charakter seiner Kunstliebe hätten sie 
schwerlich ganz zu verändern vermocht Ob er Oeser 
gekannt hat, ist zweifelhaft; aber Hagedorns „Betrach- 
tungen" hätten ihm doch zusagen müssen. Klopstock 
kßnnte in der That auf ihn gewirkt haben, da er ihm, bei 
seiner Begeisterung für die Ode, von früh an der grosse, 
verehrte Dichter wai-, der ja auch Religion und Vaterland 
precügte. Dass Koch ihn auf Herder gewiesen, ist un- 
zweifelhaft, und wie nahe Herders Anschauungen den 
seinen stehen, haben wir bemerkt. In der Abneigung 
gegen Principien in der Kunst kommt der junge Goethe 
in dem Aufsatz „Von deutscher Baukunst" ihm merkwürdig 
nahe. Ja, wenn man eine einzelne Leistung nennen sollte 
unter all den vorangehenden, die noch am ehesten den 
Herzensergiessungen der Art nach gleich käme, so ist es 
Goethes Dithyrambus auf das Strassburger Münster. Nur 
dass Goethe natürlich, seiner grösseren, genialeren Per- 
sönlichkeit gemäss, sich auch stürmischer, feuriger aus- 
spricht, während bei Waokenroder über allem ein leise 
verhüllender Schleier liegt. Er kann rühren, uns niit- 
verstehen und mitfühlen lassen — fortrelssen kann er 
nicht, denn geniales Feuer, bezwingende Gewalt sind ihm 
versagt. 

SeinenAntipoden und Kunst- V erwandten Heinse könnte 
er gekannt haben. Schon Tieck rät ihm lebhaft zur 
Lektüre des Ardinghello '), dessen Einiluss auf Sternbald 



") Holtei, Dreihundert Briefe. Breslau lHii+, lV.87, 



V 



— 70 — 

erwiesen istJ) Wir wissen nicht, wie der Eindruck des 
Ardinghello auf Wackenroder war. Tieck hatte ihm vor- 
ausgesagt, es sei zwar alles sehr „einseitig" darin, aber 
er werde viele schöne Stellen finden, und man bekomme 
auch in mancher Hinsicht neue Ideen.^) Und wenn sich 
Wackenroders scheue, zarte Natur auch durch manche 
allzu glühende Schilderungen abgestossen fühlen mochte, 
den Verfechter einer ähnlichen künstlerischen Gesinnung 
hätte er hier anerkennen müssen. 

Seltsam genug traf es sich, dass die Saat, die Herder, 
Heinse und der junge Goethe gesät hatten, gerade in 
1 Wackenroders weichem, mildem Sinn aufging, als Goethe 
? und Schiller den Höhepunkt ihrer classicistischen Kunst- 
betrachtung erreicht hatten. 

Gegen diesen strengen ausschliessenden Systemgeist 
richtete sich nun Wackenroders tolerante, historische Kunst- 
betrachtung, wenn er sagte: „Schönheit — ein wunder- 
seltsames Wort! Erfindet erst neue Worte für jedes 
einzelne Kunstgefühl, für jedes einzelne Werk der Kunst! 
Aber ihr spinnt aus diesem Worte ein strenges System 
und wollt die Menschen zwingen, nach euren Vorschriften 
und Regeln zu fühlen — und fühlt selber nicht!"'') Und 
ähnlich vorher: „Sie betrachten ihr Gefühl als das Centrum 
des Schönen in der Kunst und sprechen wie vom Richter- 
stuhle über alles das entscheidende Urteil ab, ohne zu 
bedenken, dass sie niemand zu Richtern gesetzt hat, und 
dass diejenigen, die von ihnen verurteilt sind, sich eben 
sowohl dazu aufwerfen könnten. 0, so ahndet Euch doch 
in die fremden Seelen hinein und merket, dass Ihr mit 
Euren verkannten Brüdern die Geistesgaben aus derselben 
Hand empfangen habt! Und wenn Ihr Euch nicht in alle 
fremden Wesen hineinzufühlen und durch ihr Gemüt 
hindurch ihre Werke zu empfinden vermögt, so versucht 



1) Donner, Wilhelm Meister und sein Binfluss auf den Roman 
der Romantiker. Helsingfors 1893, 57. 

2) Holtei a. a. 0. IV, 87. 

3) Herzensergiessungen 1797, 105 f. 



71 



penigstens, durch die. Schlussketten des Verstandes mittel- 
r an diese Überzeugung hinan zureichen." ') 
Gegen den Eklekticismus eines Mengs richtet er sich, 
"der den Ausdruck RapLaels, die Farben der Tcnezianischeo 
Schule, die Wahrheit der Niederländer und das Zauher- 
licht des Correggio „zusammensetzen" will. „Die Periode 
der eigenen Kraft ist vorllber: man will durch ärmliches 
Nachahmen und klügelndesZusammensetzen das versagende 
Talent erzwingen und kalte, geleckte Werke sind die 
Frucht." ") Nein, er möchte durchaus nicht, dass die grossen 
Meister: der zauherhafte Correggio, oder der prächtige 
Veronese oder der gewaltige Buonai-otti gemalt hätten 
wie ßaphael. Ausdrücklich setzt er gegen das Bedauern, 
welches Winckelmann, Goethe und Moritz geäussert hatten, 
„dass Dürer nicht das Idealische des Eaphael gelernt", 
seine Freude, weil das Schicksal dem deutschen Boden 
in ihm einen vaterländischen Maler gegönnt hat. „Er 
wlirde nicht derselbe gebliehen sein; sein Blut war kein 
italienisches Blut," Völlig klar ist er sich: die ganze, 
himmlische Schönheit hat nur Raphael, nicht Dürer be- 
sessen; aber er ist ganz durchdrungen davon, „dass jedes 
Wesen nur aus den Kräften, die es vom Himmel erhalten 
hat, Bildungen aus sich heraus schaffen kann und dass 
einem jeden seine Schöpfungen gemäss sein müssen." ') 

Man hat Wackenroder gern die ganze Einseitigkeit 
der späteren Nazarener aufgebürdet. Freih'ch hat er auf 
sie gewirkt, wie sie selbst bezeugen, und wovon ich in 
einem zweiten Teil Beweise bringen werde. Aber ihre 
Fehler sind keineswegs schon durchgehends die seinen. 
Sie haben aus ihm nur genommen, was ihnen zusagte, 
was inzwischen durch Ludwig Tieck und Friedrieh Schlegel 
viel .schärfer und enger formuliert war. Denn so wenig 
ITackenroder im Leben seine IndividuaUtät zu behaupten 



') HerzensergitJSBungen 1797, 103. 
2) Herzenaergieasungen 1797, 123. 
8) HerKenaerglesaungen 1797, li-'A. 



Tennochte, so energisch tritt er in der Kunst für d; 
Recht der Persiiiiliclik(iit_ ein. Er kann nicht hegreifen, 
wie eine walire Liebe zur Kunst nicht alle ihre Gärten 
durchwandern, nicht an allen ihren Quellen sich freuen 
solle. Man wird Wackenroder nur gerecht, wenn man 
diesen wesentlichsten Zug seiner Kunstliebe gebührend 
beachtet, wenn man nicht von seiner Wirkung auf seine 
I eigenen Intentionen zurückschliesst. Er ist mit seiner 
Tendenz zur Universalität, zum verständnisvollen Geniessen 
jeder Art von Kunst der feinsinnigste Schiller und 
Nachfolger, den Herder bis dahin gehabt hatte. So 
klingt es denn auch durchaus nicht klosterbrudermässig,, 
sondern fast, als oh Herder selber spräche, wenn Wacken- 
roder stolz und l'roh bekennt: „Uns Söhnen dieses Jahr- 
hunderts ist der Vorzug zu teil geworden, dass wir auf 
dem Gipfel eines hohen Berges stehen, und dass viele 
Länder und viele Zeiten unsern Augen offenbar, um uns 
herum und zu unsern Füssen ausgebreitet liegen. So 
lasset uns dieses Glück denn benutzen und mit heiterm 
Blick über alle Völker und Zeiten umherschweifen, und; 
uns bestreben, an allen ihren mannigfaltigen Bmpfindungea 
und Werken der Empfindung das Menschliche Uerau&-] 
zufüblen!"') 

Freihch, ewig merkwUrdig wird es bleiben, wie Wacken- 
roders Buch, das einer so viel schwächeren Persönlichkeit 
entstammte, eine so viel stärkere Wirkung hervorzurufen 
vermochte, als es Herders, Hcinses und dos jungen Goethe 
kunsttheoretiscbe Schriften, gethan. Die Lösung dieses 
Eätsels kann man am letzten Ende nur darin finden, dass 
eben „die Zeit erfüllt war", als Wackenroder schrieb, und 
insofern kann man Wölffhn zustimmen, wenn er meint,') 
Wackenroder sei nur ein Organ gewesen, und auch ohne 
ihn wäre die Entwickelung der bildenden Kunst in ähnlicher 
Weise verlaufen. 



1 

1 

r 

I 



') Herzensergiessungeii 1797, 106 f. 
s) Wölfflin a. a. 0.. 72. 



^ 
N 



Kunst und Religion. 

Wenn es die „Herze nsergiessungen" gewesen sind, 
die zuerst wieder die Zusammengehörigkeit, den Bund 
■von Religion und Kirche mit Kunst und Poesie gepredigt 
und damit eine mächtige Strömung erweckt haben, so 
lassen sich doch itatholisierende Aniilänge, ein Eintreten 
für christliche Malerei naturgemäss schon weit früher 
nachweisen. 

Freilich, so tief und ernst wie Wackenroder, Schleier- 
macher und Novalis dies fassten, die ihre moderne Bildung 
und ihr religiöses Bedürfnis in Einklang bringen wollten 
— so tief und umfassend zugleich trat dieses Streben bei 
den Früheren kaum hervor. Aber immer ist, wie Gervinus 
richtig bemerkt hat, die Verbindung von Kunst und Religion 
die nächstliegendste und natürlichste von allen, wenn man 
von dem Princip ausgeht, die Wirklichkeit mit einer höheren 
geistigen Welt zu durchdringen.') Führte die Romantik 
den Kampf gegen die Aufklärung, so hatten diesen Kampf 
auch schon zwei Dichtergenerationen vor ihr geführt. 
Johann Georg Hamann hatte diesen Kampf be- 
gonnen.^) Dieser Kampf gegen die Aufklärung wurde 
zugleich zu einer Bekämpfung des kunstfeindlichen Pro- 
testantismus, wie er sich als Religion des Bürgertums 
entwickelt hatte; auch früher schon war man unwillkürlich 
in diese Stellung gedrängt worden. Hatte früher die Kunst 
immer nur da geblüht, wo ein glänzender Hof, eine pracbt- 



') Oervinus. V, ö&7. 
») Minor, J, G. Hamai 



74 



liebende Kirche oder eine Aristokratie vornehmer Kenner 
sie beschützte, so verlangto das Bürgertum, als es diesen 
Schutz seit dem 16. Jahrhundert übernahm, dass die Kunst 
sieb „nUtzUcli" erweisen solle. Die Empfänglichkeit für 
das Schöne als solches war noch nicht entwickelt. Noch 
Sulzer forderte in seiner „Theorie der schönen Künste", 
dass der „höhere Gebrauch" der Malerei bestehe: erstens 
in Unterstützung der Andacht in den Tempeln, zweitens 
in Erweckung patriotischer Gesinnung in öffentlichen Ge- 
bäuden, drittens in Nahrung für die Privattugend in 
Zimmern. ') 

So musste man freilich gegen Aufklärung und Pro- 
testantismus zugleich kämpfen, wenn man für eine böhere, 
künstlerischere Auffassung von Kunst und Religion eintrat. 

Hamann, der als Vater des Sturmes und Dranges im 
„Leser und Kunstrichter" gegen Hagedorns „Betrachtungen" 
das Recht der schöpferischen Persönlichkeit verfochten 
hatte, der mit der Romantik die Opposition gegen Lcssings 
Dichtung, den Hinweis auf ältere Perioden deutscher 
Dichtung teilt, — Hamann stand auch der katholisierenden 
Richtung der Romantik nicht ganz fern, wie Minor nach- 
gewiesen hat.') Er nimmt schon den römischen Papst 
gegen den Papst der Aufklärung, die gesunde Vernunft, 
in Schutz; er lebte zuletzt in Münster im Kreise der 
Fürstin Galtitzin, wo er auch starb. „Wie lange", fragt 
Minor, „hätte er dort leben müssen, um mit Stolberg zum 
Katholizismus überzutreten?" Minors Vermutung wird 
nicht ganz abzuweisen sein, dass in der That tUe Geschichte 
die Antwort auf diese Frage nur schuldig gebheben ist, 
weil sein Tod dazwischen trat. 

Auch Oeser, mit dem Winckelmann, Lessing undGoethe 
das Ideal der „Einfalt und Stille" teilten, fand dies Ideal 
nicht nur in der Antike verwirkhcht — er sah es ebenso 
in der christlichen Kunst. Wenn man an die streng 



') Muther 1, 152. 

^) Minor, J. G. Hamann, S. 




75 



l classicistische Richtung jonef (iri;i tlin so unendlich über- 
|i ragenden Männer denkt, so ist das bemerkenswert genng. 
*Er lehrte erst Winckehnann die Schönheit der „Sixtina" 
verstellen, die dieser allein nicht liatte finden können, und 
in dem Guido-Renischen Oliristuskopf des Schwalbeschen 
Kabinetts in Hamburg fand er die höchste Versinnlichung 
des Göttlichen, „das der Kunst Mögliche in der Dar- 
stellung der Vereinigung der Gottheit mit der Menschheit 
erreicht." ') Aber bei ihm blieb dieser Sinn für christliche 
Malerei doch noch gänzlich frei von konfessioneller Enge: 
war nichts als die hernach von Herder so hoch ge- 
I priesene Fähigkeit, das Schöne in den mannigfachsten 
Arten zu schmecken und zu geniessen. 

Klopstocks Stellung zur christlichen Malerei geht 
' dagegen schon viel mehr aus einem bestimmlen religiösen 
I Standpunkt hervor. In dem schon zitierten Aufsatz im 
„Nordischen Aufseher", der gegen Winckelmann gerichtet 
ist, verficht er, trotz aller Verschiedenartigkeit darin ein 
Vorläufer der Romantiker, denen er die Schlagworte: 
„Religion und Vaterland" vorweggenommen, die Autonomie 
der christlichen Malerei.-) Die griechischen Göttergestalten 
können keine Vorbilder für die christliche heilige Mytho- 
logie sein. Die Vorstellungen z. B,, die wir von den Engeln 
haben, konnten die Griechen nicht ausdrücken. Wir sollen 
sogar die griecliischen Götterbilder noch übertreffen. Selbst 
Raphael and Michel Angelo haben da für ihn noch nicht 
Genügendes geleistet: Raphaels Michael ist ein Jüngling, 
I und er sollte doch wenigstens ein Jupiter sein, der eben 
[gedonnert hat. Michel Angelo aber übertrieb zu oft und 
„der Contour des wahren Grossen ist sehr fein." 

Seiner Änsiclit nach muss also der wahre Künstler 

I noch kommen, dem es vorbehalten ist, die heilige Geschichte 

würdig darzustellen, der uns etwas anderes sagen wird, 

als die Griechen haben sagen können. Er erhofft einen 



') Justi, Winckelmann 1. .116 f. 

^ Nordischer Aufiseher I77U, 150, Stück, 



— 76 — 

Kilnstler, der dasselbe fllr dir> bildende Kunst leistet, was 
Klopstock selbst itir die Dichtung erstrebte: den Versöhner 
der Menschen würdig darzustellen.') Aber aucli Klopstock 
ist noch so von der NützHchkeitstheorie seiner Zeit be- 
fangen, dass er daran erinnert, welchen .,Nutzon" solche 
würdige Darstellung der heiligen Geschichte haben würde. 
Die mythologischen Meisterwerke genügen ihm nicht: da 
sieht er nur den .schönen Leib, und er möchte doch auch 
eine schöne Seele darin finden.*) Wenn Winckelmann — 
wie später Herder und die Romantiker — die Kunstwerke 
aus der Mythologie herauswachsen sehen möchte und 
geradezu vorschlägt, mehr Allegorie anstatt Heiligen- 
geschichten zu malen, so erklärt sich Klopstock ganz ent- 
schieden dagegen. Allegorien würden mühsam oder gar 
nicht verstanden und seien ihrer Natur nach uninteressant. 
Er wäre im Gegenteil sehr zufrieden, wenn man aufhörte, 
die griechische und römische Mythologie zu malen. Religion 
und Vaterland sind ihm auch hier die höchsten Ideale: 
für sie allein soll der Künstler arbeiten. 

Einen viel freieren, über jede konfessionelle Befangen- 
heit erhabenen Standpunkt nimmt dagegen Herder ein. 
Seine Auffassung von Religion nähert sich schon der von 
Schleiermachor — nur dass Herder selbst diese Verwandt- 
schaft nicht sehen wollte, so wenig wie die zu den übrigen 
Romantikorn. Ein deutliches Zeugnis seiner auch in 
religiösen Fragen toleranten Gesinnung ist sein Verhalüjn 
bei Fritz Stolbergs Übertritt zum Katholizismus. Er 
achreibt an die Gräfin Luise Stolbcrg: „Auch der Katholi- 
zismus ist Christentum. Und wer wollte nicht lieber ein 
bescheiden frommer Katholik sein als ein Gottsetzender 



') Auch LavaU,r hielt den fiir dpn gr b'-ten Maler dem es ge- 
lingen wurde Ghiiatus z B m Kontra» zu Juda>4 zu nmtmi Je 
herrlicher ein Uenaehengesicht deito unnachahmlicher sei ls Der 
Chnstua \on Mengs lat ihm zu .galant" S Phvsiogn Fragmente 
1778 vierter Vereuch 447 

2) Nordischer Autseher 1770 150 Stuck 



^ 



Fichtianer?" ') Und als Heinrich Meyer einmal über Stol- 
berga Katholizismus spottet, entgegnet er ihm: „Man 
muss einem jeden seine Hausreligion lassen." So ist es 
verständlich, dass seine Auffassung des CliriBten- 
tunis auch von Katholiken wie den heiden Dalberg 
mit warmer Zustimmung aufgenommen wird. Wie in der 
Kunst die alleinseligmachende Nachahmung der Griechen, 
80 verwirft er auch auf religiösem Gebiet „die harte An- 
massung einer alleinseligmaßhenden Kirche" — sowohl 
der katholischen wie der protestantischen. Wie er, vor 
Johannes von Müller und den Romantikern, den histo- 
rischen Wert des Mittelalters tni Gegensatz zu dem eigenen 
„mechanisch gewordenen" Äufklärungsjahrhuudert pries, 
so wagte er es auch, lateinische Poesien des Jesuiten Bälde, 
wenn auch vorerst ohne Namensnennung, zu erneuern. 
A. W. Schlegel hat Herder in demselben Jahr, in dem 
die Herzensergi essungen Wackenroders von ihm mit feinem 
Verständnis aufgenommen wurden, dafür gedankt, dass er 
sich nicht durch die einseitige Denkart derer, die immer 
vergessen, „dass für die Poesie alles Schöne wahr ist", 
hat abhalten lassen, auch die Marienlieder in seine Samm- 
lung aufzunehmen.^) „Denn warum sollten wir nicht einem 
Dichter seine anbetende Hingebung an ein über den Wolken 
schwebendes Bild himmlischer Weiblichkeit nachfühlen 
wollen?" Die Poesie habe bisher so selten diese verklärte 
Qestalt verherrlicht, im Gegensatze zur Malerei, dass 
man sich freue, ihr endlich im Namen eines frommen ver- 
storbenen Dichters eine Kapelle gestiftet zu sehen. — 
Herder hatte Baldes Gedicht: „Die Himmelfahrt" mit dem 
RaphaelschenGemälde inDresden verglichen. A.W.Schlegel 
fühlt sich mehr an die „Himmelfahrt" von Guido Reni 
erinnert (der sowohl von Heinse wie von den Romantikern 
noch stark Überschätzt wurdej. In Raphaels Bilde sei der 
strenge, alles Irdische zurückweisende Begriff von Gött- 



I) Rud. Zoeppritz, Aus P. H. JacoWs Nachlass, 1869, 11,236. 
aj A. W. Schlegel. S. W. X. 400 f. 



78 



liebkeit ausgedrückt — in Quido Reu'is Bilde wie in Baldes 
Lied die UbcrschweDgliche Beseligtiiig eioes unschulds- 
TOllen Weibes, obne Bewusstsein eigener Hoheit. Und 
Herder selbst spricht sich in der 6. Sammlung der Huuia- 
nitätsbrtefe'), obwohl er in Rapbael eine „griechische Seele" 
za tinden meint, dahin aus, dass die heilige Jungfrau aus 
einer eigenen Idee des Christentums hervorgegangen 
sei, zu der ihr die griechischen Musen nicht haben 
verhei/en können. Eine neue Form der Menschheit sei 
damit vom Himmel gerufen — er sieht den entscheidenden 
Zug in der christlichen Unbefangenheit, in der die Mutter 
von ihrer eigenen Herrlichkeit nichts zu wissen scheine 
und doch allen Menschen hold sei. Die „Maria"' seines 
Dichters Bälde sucht er vor dem Publikum noch ganz 
symbolisch zu fasseu. „Ihr weihte or seine zartesten 
EnipSndungen und besang sie in jeder Gestalt. "Wer die 
Besungene nicht für eine Heilige halten will, dem sei sie 
die Muse unseres Dichters, eine christliche Aglaja oder 
Beatrice, das Ideal jungfräulicher, mütterlicher Tugenden 
oder die himmlische Weisheit."*! Wie viele Sonette und 
Lieder an die Jungfrau Marie dann folgen sollten, hat 
Herder selbst nicht geahnt. 

Durch die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts 
überhaupt ging eine starke Annäherung zwischen Pro- 
testantismus und Katholizismus. WieBiedermann berichtet*), 
wies man nicht blos katholischerseits darauf hin, dass die 
Scheidewand, welche den Protestanten bisher von dem 
Katholiken getrennt habe, gefallen sei, sondern auch der 
protestantische Arzt Zimmermann sprach es aus: „Sind 
wir nicht eins geworden seit den grossen Reformen von 
1781?" Und ein protestantischer Prediger in Nürnberg 
stellte den Kaiser Joseph 11. auf eine Stufe mit Luther. 

Bezeichnende Typen des Katholizismus und Protestan- 
tismus in der gemeinsamen Abwehr der beiden feindlichen 



') Herder, ed. Suphan 17, 36fl f 
'I Herder, ed. Suphan 27, 274. 
'] Bledermatm, Deutschland in 



18.Jahrh. 1860. U, 110». 



7& — 



slärung sind Lavater und der eog mit ihm befreundete 

katholische Bischof Sailer. Lavater mit seinem heftigen 
Drange nach unmittelbarer Erfassung des Göttlichen fand 
in den Mysterien des katholischen Kultus etwas seinein 
eigenen Sinne Verwandtes und gab dieser Empfindung 
begeisterten dichterischen Ausdruck in den „Drei Lob- 
gedichten auf den katholischen Gottesdienst und auf die 
Klosterandacliten", 1781. An Stolberg schrieb Lavater 
direkt; „Ich verehre die katholische Kirche als ein altes, 
reichbeschuörkeites, majestätisches, gothisches Gebäude, 
1 das uralte, teure Urkunden bewahrt. Der Sturz dieses 
Gebäudes würde der Sturz alles kirchlichen Christentums 



Igen sucht man merkwürdigerweise in Stolbergs 
„Eeise in Deutschland, der Schweiz, Italien und Sizilien 
1794" vergebens nach Spuren, die seine persönliche Stellung 
zur christlichen Kunst verraten; jedoch zeigt sich seine 
Abkehr von der Antike in der von den Xenien verspotteten 
Idee, dass auf allen Gesichtern der griechischen Götter 

[ sich ein Zug des Leids bemerkbar mache. Sane ruhige, 
nüchterne Betrachtungsweise hat nichts von dem Feuer 
;hor Darstellung und wird oft hie zur Komik 

1 philiströs {so, wenn er es z. B. „ärgerlich und ekelhaft 
findet, wenn eine Frau den Anspruch erhebe, griechische 
Statuen wie Apollo, Venus, Herkules u. a. rein künst- 
lerisch zu geniesseo").*) Meist bezieht er sich bei seinen 
Kunsturteilen auf Hirt. Man merkt ihm an, dass er zur 
bildenden Kunst nicht ein direktes, persönliches Verhältnis 
hat, sondern mehr als der gebildete Dilettant reist und 
pflichtschuldig alles „Berühmte" anschaut. Daneben be- 
gegnen wir auch ganz feinen, treffenden Einsichten. Er 
bewundert Correggios Grösse, der gleich nach Eaphael 
und Michel Angelo komme — auch ohne die Antiken 



■) BichendoriT, Geschichte der poetischen Litteratur Deutsuh- 
I landa, 1S57. I, 24g. 

äj Stolberg, ReiBe 1, 244 f. 



80 — 



studiert zu liaben. Aber er sei bei seinen Lebzeiten nicht 
nach Verdienst geschätzt worden: die meisten Maler hätten 
ängstlich Raphael nachgeahmt, während doch der Nach- 
ahmer nie seinem grossen Vorbild nachkommen könne. 
Guido Heoiö „Himmelfahrt" (in Düsseldorf) bewundert er 
wie alle seine Zeitgenossen. Rüge hndet auch schon 
Spuren der katholisierenden Romantik in Stolberg'): „die 
Osterfeier in Rom rege ihn mächtig an, und er zeige sich 
in die krassesten Ceremonien, die nur Schein haben, 
verliebt". 

Nur in untergeordneter Weise konnte es sich fUr Karl 
Philipp Moritz beim Ansehauen der heiss ersehnten Kunst- 
werke in Italien um die Religion handeln: die Hauptsache 
niusste für ihn die Kunst bleiben. Er hatte, wie Dessoir 
sagt,*) zu lange die Luft der Originalgenies geatmet, bei 
denen aus dem Priester ein Seher geworden war, wo der 
Glaube an den religiösen Gott sich in die Andacht für 
das Göttliche im Schönen verwandelt hatte und der freie 
Künstler der wahre Mensch war. 

So blieb es denn für Moritz bei einer Art von Winckel- 
mannscher Kunstfrönmiigkeit. „Die Gottheit in der Mensch- 
heit zu verehren", sagt er in seiner „Reise eines Deutschen 
in Italien"',*) „strebte der Meissel des Phidias und Raphaels 
Pinsel und strebt im Grunde jeder, der etwas Grosses 
und Schönes zu voltenden sich zum Augenmerk nimmt, 
weil jedes Werk des ächten Genius, wo es sich auch be- 
findet, die unverkennbare Spur des Göttlichen an sich 
trägt." 

Für die mit Vorliebe sich christlich-religiösen Gegen- 
ständen zuwendende Kunst und gar für den Katholizismus 
hat Goethe — vielleicht mit Ausnahme seiner pietistis 
Frankfurter Epoche und der jenseits dieser Betrachtungen 



I 



') Rüge, Ges. Schrilten 1, 66. 
s) a. a. 0.. 56. 

3) K. Pli. Moritz, Reisen eines Deutschen i 
bis ITäS. BerUn 1762, U, 110. 



Italien von 1786 



81 



Lliegenden Zeit nach 1797, wo er durch die Romantik be- 
leiiiflusst war — nie Sinn gehabt. Sich dem Protestan- 
Ftismus zu nähern, ist für ihn die Tendenz aller derer, die 
[ Bieh vom Pöbel unterscheiden wollen.') Selbst in Rom 
empfindet er, wie nach ihm Herder, ganz protestantisch. 
Er schreibt am 6. Januar 1787 an Frau von Stein; 
„Am ersten Christfest sah ich den Papst und die ganze 
Clerisei in der Peterskirche. Es ist ein einziges Schau- 
spiel, ich aber bin im protestantischen Diogenismus so alt 
i geworden, dass ich sagen möchte: verdeckt mir doch nicht 
die Sonne höherer Kunst und reinerer Menschheit" Und 
ein halbes Jahr später, am 8. Juni, ebenfalls an Frau 
Tön Stein schreibt er: „Gestern war Pronleiehnam. Ich 
bin nun ein fiir aliemal für diese kirchUchen Ceremonien 
verdorben; alle (üese Bemühungen, eine Lüge geltend zu 
machen, kommen mir schal vor und die Mummereien, die 
für Kinder und sinnliche Menschen etwas Imposantes 
haben, erscheinen mir. auch wenn ich die Sache als Künstler 
und Dichter ansehe, abgeschmackt und klein. Es ist nichts 
gross als das Wahre. Das Beste, ja das Einzige des 
ganzen Festes sind die Teppiche nach Raphaels Zeich- 
nungen, deren Fürtrefflichkeit auszudrücken keine Worte 
hinreichen." Aber nicht nur im Leben ist ihm der 
Pomp des katholischen Kultus zuwider gewesen — auch 
l vfo ihm die Gegenstände der christlichen Märtyrer- und 
iHeihgengeschichten in der Kunst vor Augen treten, wendet 
F er sich voll Abscheu weg. So schreibt er 1790 aus Venedig 
über „Ältere Gemälde": „Indessen die Kunst wächst und 
mit ihr die Forderuügen, so sieht man die Beschränktheit 
der religiösen Gegenstände. In den besten Gemälden der 
I grössten Meister ist sie am traurigsten fühlbar, was eigent- 
Ilich wirkt und gewirkt wird, ist nicht zu sehen; nur mit 
l Nebensachen haben sich die Künstler beschäftigt, und diese 
kbemächtigen sich des Auges. Und nun fangen die Henkers- 



") Vgl. Schriften der Goethe- Gese lisch aR, Bd. 13, Goethe und die 
ERomantik, hsg. von Karl Schüddekupr und Oskar Waizel, LVIl. 



— 82 — 

knechte erst recht an, die Hauptpersonen zu spielen. Hier 
lässt sich doch etwas nervig Nacktes anbringen, doch ist 
ihr Beginnen immer Abscheu erregend, und wenn reizende 
Zuscha^uerinnen mit frischen Kindern nicht noch gewisser- 
masseii das Gegengewicht hielten, so würde man übel er- 
baut von Kunst und Religion hinweggehen." 

Dass der ganz von griechischer Daseinsfreude erfüllte 
Wilhelin Heinse kein näheres Verhältnis zu den Gestalten 
der christlichen Kunst wie zu der christlichen Religion 
selbst haben konnte, ist ohne weiteres begreiflich. Seine 
Heiligen sind Plato und Sappho, wie sie es später für den 
jungen Friedrich Schlegel sind. Die Liebe zur Schönheit, 
zum Schönen in jeglicher Gestalt ist seine einzige Religion. 
Oder, wie er selbst es ausdrückt: „Wer den reizbarsten, 
innigsten Sinn für die Schönheiten der Natur hat, ihre 
geheimste Regungen fühlt, deren Mängel nicht vertragen 
kann und denselben abhilft nach Kräften, der übt aller 
Religionen Wahrstes und Heiligstes aus. Sein Tempel ist 
das unendliche Gewölbe des Himmels, sein Fest jede 
schöne Sommernacht, ein herrlicher Aufgang, und er bringt 
seine Opfer dar an Menschen, an Tiere, die ihrer bedürfen, 
an alles Lebendige." *) 

Sehr Sulzerisch flach klingt es daneben, wenn der 
Freiherr von Racknitz in den „Briefen über die Kunst" 
1792 stgt: „Das Erhabene der göttlichen Religion besteht 
zwar nicht in Betrachtung sinnlicher Gegenstände; sollte 
aber nicht ein empfindsamer Christ bei einer rührend und 
wahr dargestellten Kreuzigung Christi sich erschüttert 
fühlen und sich an den unendlichen Dank erinnern, den 
wir der Gottheit schuldig sind, die uns Christen werden 
Hess?" (S. 25). Ist der Freiherr von Racknitz nicht über 
den N^tzlichkeitsstandpunkt der Aufklärung bei seiner 
Kunstbetrachtung hinausgekommen , so stimmt dagegen 
Fiorillo in Göttingen, der Lehrer Wackenroders und Tiecks, 
schon mit der Romantik über ein, wenn er Geschichte 



i) Heinse, S. W. hsg. von Schüddekopf, IV, 332. 



— 88 — 

der Kunst nicht von Geschichte der Religion und Politik 
getrennt wissen will.*) 

In Georg Porsters Stellung zur christlichen Kunst 
und Religion finden wir ein wunderliches Schwanken. 
Dass er einerseits ganz auf dem classicistischen Stand- 
punkt Lessings, Goethes und Schillers steht, haben 
wir bereits feststellen können. Zugleich versucht er, der 
christlichen Kunst gerecht zu werden, so sehr er auch 
den traditionellen Druck der Religion auf die künstlerische 
Wahl der Stoffe beklagt: „Die Einbildungskraft der Künstler 
hat sich in diesem so tief in Aberglauben versunkenen 
Lande mehrenteils mit Gegenständen aus der Legende 
beschäftigt, die selten an sich reich und anziehend genug 
sind, um die Mühe des Erzählens und Darstellens zu ver- 
dienen. Es herrscht durch alle diese Mythologien eine 
klägliche Dürftigkeit der Geisteskräfte, die wunderbar 
gegen den Ideenreichtum und die Eleganz der griechischen 
Dichterphantasie absticht." 2) Doch gesteht er zu, dass 
es in der Mythologie des Christentums Momente giebt, 
die den Malern freie Hand lassen, Szenen, die eines 
grossen, erhabenen Stils ohne Verletzung des Schönheits- 
sinnes fähig sind ujid zu der zartesten Empfänglichkeit 
unseres Herzens reden. Nur haben seiner Ansicht nach 
die vlämischen Künstler gerade diese Momente nicht ge- 
wählt, und er ist im Zweifel, ob er die Schuld dieser zu 
plumpen Behandlung der Mysterien ihren Aufbewahrern, 
den Priestern, oder den Künstlern zuschreiben soll.') 

Beim Anblick des „Johannes in der Wüste" in der 
Düsseldorfer Gallerie, den man damals Raphael zuschrieb, 
und der ihn ebenso bis zur Entzückung begeistert wie Heinse 
früher, empfindet Forster, dass dieser Mensch Johannes 
uns mehr sein kann als Apollo. Die Gleichartigkeit seines 



1) PioriUo, Geschichte der zeichnenden Künste. 1798—1800. 
Einleitung. 

2) Porster, Ansichten vom Niederrhein etc. Neue Aufl. Berlin 
1806. I, 442. 

8) U, 344. 

6* 



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— 85 — 

hatten keckes Bewusstsein genug, um jenen Riesen- 
gottheiten ins Auge zu sehen, sich verwandt mit ihnen zu 
fühlen. Unsere Hilfsbedürftigkeit ändert die Sache. Wir 
darben unaufhörlich und trotzen nie auf eigene Kräfte. 
Einen Vertrauten zu finden, dem wir unsere Not mit uns 
selbst anklagen, dem wir unser Herz mit allen seinen 
Widersprüchen, Verirrungen und geheimen Anliegen aus- 
schütten, dem wir durch anhaltendes Bitten und Thränen- 
vergiessen Beistand und Mitleid ablocken können — dies 
ist das Hauptbedürfnis unseres Lebens, und dazu 
schaffen wir uns Götter nach unserem Bilde. In dem 
nächsten Kapellchen kann ich die Überzeugung finden, 
dass die unbegreifliche Gottheit selbst schwerlich irgendwie 
mit dem herzlichen Vertrauen angerufen wird, womit eifrige 
Christen hier zu den Heiligen beten, die einst Menschen 
waren wie sie. Gleichheit ist die unnachlässige Bedingung 
der Liebe. Der Schwache kann das Vollkommene nicht 
umfassen; er sucht ein Wesen seiner Art, von dem er 
verstanden und geliebt werden, dem er sich mitteilen 
kann."') — Ellingt das nicht christlich -katholisch, als 
spräche einer der Klosterbrüder oder Romantiker zu uns? 
Nicht umsonst fühlte sich Friedrich Schlegel durch eine 
geheime Wesensverwandtschaft so zu ihm hingezogen und 
vermochte eine so verständnisvolle Darstellung dieses 
reichen, aber zerrissenen, widerspruchsvollen Charakters 
zu geben — eine Darstellung, die auch heute noch zu 
dem Besten gehört, was wir über Georg Forster besitzen.'^) 
Angesichts jenes „Johannes in der Wüste" in der Düssel- 
dorfer Gallerie tritt Forster auch für eine Verbindung von 
Religion und Kunst ein. Er sieht es als ein sehr hohes 
künstlerisches Ziel an, der Religion durch die Kunst neuen 
Glanz und ästhetische Wirksamkeit, die einzige, die ihr 
noch fehle, zu verleihen. Selbst wenn der „Johannes" 
nicht so wäre, wie die Kunst ihn geschildert, wenn sie 



1) 1, 199 f. 

2) Fr. Schlegel: Georg Forster (Reichardts Lyceum 1797). 



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ihn nur gedichtet und so aus fernen Ätherbahnen als 
einen hellen Stern uns näher gerückt hätte, müsse die 
Religion es doch der Kunst danken, die sie so verherrliche. 
Denn es könne nicht gleichgültig sein, ob man bei dem 
Namen Johannes kleinliche oder erhabene Vorstellungen 
erwecke. Nie wäre man lau und gleichgültig gegen das 
Heilige und Göttliche geworden, wenn die Lehrer der 
Menschheit das, was sie in liebreicher Absicht so nannten, 
durch keine unedle Vorstellungsart entweiht, wenn sie 
das Schöne und das Gute rein empfunden und in neuer 
Klarheit aus reinem Herzen mitgeteilt hätten.*) 

Wenn Schiller in seinen ästhetischen Schriften vor allem 
eine Religion der Kunst erstrebte, so lag ihm doch die 
Beziehung auf christliche Vorstellungen gänzlich fern. 
„Innerhalb der ästhetischen Qeistesstimmung regt sich kein 
Bedürfnis nach jenen Trostesgründen, die aus Speculation 
geschöpft werden müssen. Die gesunde, schöne Natur 
braucht keine Moral, kein Naturrecht, ja, sie braucht keine 
Gottheit, keine Unsterblichkeit, um sich zu stützen und 
zu halten." 

Da ohnehin sein Verhältnis zur bildenden Kunst, vor 
allem zur Malerei, zur Farbe, kein sehr nahes war, s6 ist 
es begreiflich, dass wir gerade Schiller, trotz seiner hohen 
Wertung der Kunst, in diesem Sinne am allerwenigsten 
als Vorläufer — eher noch als Nachfahren — roman- 
tischer Tendenzen fassen könen. 

Hier setzt Wackenroder mit viel innigeren, herz- 
licheren Tönen ein als alle vor ihm, wenn es gilt, die Ver- 
wandtschaft von Kunst und Religion und die Schönheit 
der christlichen Kunst zu betonen. Er war dabei weder 
Protestant, wie Klopstock z. B., noch direkt Katholik in 
dem Sinne, wie Friedrich Schlegel es bald darauf wurde, 
oder auch wie Tieck seine Kunstfrönmiigkeit fasste. Wie 
Lavater hat ihn die Schönheit des katholischien Kultus 
ergriffen, und er empfindet mit Herder: „Auch der Katho- 

1) I, 227. 



ai 

I 

lieh 
^BBch 



lismus ist ChristeDtum." Er gehätzt die Frömmigkeit 

der alten Maler, weil bei ihnen Leben und Kunst eins 
war — sowohl die der italienischen Mönche wie die des 
alten Dürer, der Luther verehrte. Haben Herder und 
Goethe gerade in Rom, angesichts der feierlichsten Cere- 
monien, gefühlt, dass sie im „protestantischen Diogenismus" 
aufgewachsen sind, so empfängt Wackenroder die tiefste, 
man möchte sagen, rein ästhetische Wirkung beim Hoch- 
amt in Bamberg. Aber das muss man, wie auch Hajm 
icbon forderte, immer und immer wieder betonen, dass 
Frömmigkeit völlig undogmatisch ist, dass sie rein 
,ns dem Grundbedürfnis seiner Seele, lieben und verehren 
zu dürfen, floss, dass sie sich von dem späteren positiven 
Nazarenertuni noch nichts träumen hess. Er setzt auch 
nicht die Religion über die Kunst, sondern beide als die 
„besten Pührerinnen des Menschen für sein äusseres, wirk- 
liches Leben" neben einander. Für das innere, geistige 
Leben des menschlichen Gemüts sind ihm ihrer beider 
^Schätze die allerreichhaltigsten und köstlichsten Fund- 
iben der Gedanken und Gefühle. Er vergleicht sie 
■^wei magischen Hohlspiegeh], die alle Dinge der Welt 
■sinnbildlich abspiegehi, durch deren Zauberbilder hiij- 
durch wir den wahren Geist aller Dinge erkennen und 
verstehen lernen.') So wundern wir uns denn nicht, wenn 
in den „Herzensergiessungen" von der Antike nicht die 
Bede ist. 

Die Kunstwerke, vor die uns Wackenroder führt, 
itammen fast alle aus der Renaissance. Daran mag einer- 
leits Schuld sein, dass er noch nicLt so sehr viel gesehen 
Er kannte (he Gallerien von Cassel, Salzdahlum, 
'ommersfelden und Dresden, wo er nach einem ersten 
ieauch 1793 mit Entzücken der „schönen Venus" gedenkt. 
,ber sein Verhältnis zur Skulptur war im Grossen und 
nzen — trotz seiner Bewunderung der Peterskirche — 



1) Spemaon, D. Nat. Litteratur. Bd. 145, hsg. von J. Minor. Tieck 
ind Wackenroder, S. 13. 



— 88 — 

kühler. Vor allem: die antike Lebensanschauung war 
nicht mehr die seine, und es kam ihm gerade auf die 
Einheit von Kunst und Leben, und damit auch auf die 
Einheit von Kunst und Religion an. Das war es ja, was 
. er an den alten Meistern des 15. und 16. Jahrhunderts so 
■ bewunderte, dass die Kunst ihnen ein geheimnissvolles 
Sinnbild ihres Lebens war, dass durch die Verschmelzung 
von Kunst und Leben ihr Dasein in dieser innigen, stär- 
kenden Vereinigung einen desto festeren und sicherern 
1 Gang durch die flüchtige umgebende Welt hindurch ging. *) 
I Aus den zusammenfliessenden Strömen von Kunst und 
Religion ergiesst sich ihm der schönste Lebensstrom, und 
er bekennt, dass er einem Gemälde von dem Martyrium 
des heiligen Sebastian „sehr eindringliche und haftende 
christliche Gesinnungen verdanke". 

Man hat ihm daraus den Vorwurf gemacht, dass er 
kein reines Verhältnis zur Kunst habe, dass der Stoff der 
Darstellung ihm wertvoller gewesen sei als die Form.^) 
Mir scheint, mit Unrecht. Wer sowohl Michel Angelo wie 
Correggio, Lionardo da Vinci wie Raphael, Dürer und 
Paolo Veronese liebt, von dem kann man doch nicht sagen, 
dass er ein Gemälde nach der Gesinnung schätze, die sich 
darin ausspricht. 

Freilich ist ihm die Kunst nicht nur Form, sondern 
auch Inhalt, und die höchste Kunst scheint ihm — doch 
wohl mit Recht — da zu sein, wo sich mit der voll- 
endetsten Form auch der würdigste Inhalt verbindet, wie 
es seiner Ansicht nach bei den grossen Malern der 
Renaissancezeit der Fall war. Ist doch auch die Kunst 
der Antike gerade deshalb die ewige, klassische Kunst 
geblieben, weil sie zugleich Religion, Kunstreligion war. 

Es war auch Winckelmanns Grundgedanke, wenn 
die Kunst wieder zu Efhren kommen solle, so müsse sie 
Gehalt in ihre Werke legen. Er hat damit vor allem 

1) Öpemann, Bd. 145, 8. 

2) Wölfflin, Studien zur Litteraturgeschichte, Michael Bernays 
ge^Aidmet. S. 71. 



auf die deutsche Dichtung gewirkt, da die Eigenart unserer 
klassischen Dichtung gerade in ihrem hohen, bedeutungs- 
vollen Gehalt besteht.') 

Nach einer solchen Kunstreligion suchte Wackenroder, 
suchten auch die späteren Romantiker wieder, und sie 
forderten dann geradezu die Scliaö'ung einer neuen Mytho- 
logie. Nicht also, dass er Seele und Bedeutung in den 
Werken der Kunst zu finden verlangte, dürfen wir an 
ihm tadeln. 

Was uns heute an seiner Forderung fremd und ab- 
stossend berührt, ist die allzu riemiltige, abhängige, ein- 
fältige Art von Religiosität, die er bei den Malern des i 
16. Jahrhunderts preist. Sie geht uns heute gegen den 1 
Geschmack, wir vennögen sie so nicht mehr mitzuempfinden, 
sie beengt und bedrückt uns als etwas Überwundenes. 

Sein ältester Kritiker Äug. Wüh. Schlegel scheint mir 
das Rechte getroffen zu habeo, wenn er Wackenroders 
religiös gefärbte Ausdrucksweise als eine „prMilection 
d'artiste" *) ansah : „Wer wird es dem schlichten, aber 
herzlichen Religiösen verargen, wenn er das Göttliche, 
was allein im Menschen zu finden ist, aus ihm herausstellt 
und das Unbegreifliche der KUnstlerbegeisterung gern mit 
höheren, unmittelbaren Eingebungen vergleicht oder auch 
wohl verwechselt? Wir verstehen ihn doch und können 
uns seine Sprache leicht in unsere Art zu reden über- 
setzen. Wenn wir, der Forderung gemäss, dass der Be- 
trachter sich in die Welt des Dichters oder Künstlers 
versetzen soll, sogar den mythologischen Träumen des 
Altertums gerne ihr luftiges Dasein gönnen — warum 
sollten wir nicht, einem Kunstwerk gegenüber, an christ- 
lichen Sagen und Gebräuchen einen näheren Anteil nehmen, 
die sonst unserer Denkart fremd sind? In dieser Bedeutung 
ist das Wort „glauben" zu verstehen.'"*) 



') Heinr. v. Stein, Entstehung der neueren Asthetih, 1886. 391. 
^ A. W. Schlegel, Oeuvres der. en fr. 1, 191. 
3) Werke X. 363 f. 



/ 



— 90 — 

Wir begegnen auch sehr häufig Bildern bei Wacken- 
roder, die aus der Symbolik der katholischen Religion 
genommen sind. Seinen Joseph Berglinger lässt er aus 
der tiefen Herzensnot zu Christus beten, dass er ihm 
in seinem Zwiespalt helfen oder ihn in den Schoss der 
Erde betten solle. Dieser Wunsch erfüllte sich sowohl 
bei Berglinger wie bei Wackenroder: beide sterben in der 
Fülle der Jahre an einem nervösen Fieber. Auch zur 
heiligen Oäcilie geht sein heisses Flehen. Er spricht von 
„unserer heiligen Jungfrau"; er lässt die Geflihle „wie 
Reliquien in heilige Monstranzen" einschliessen — kurz, 
er gebraucht unbefangen die religiös-katholische Ausdrucks- 
weise; aber man darf dabei doch nie vergessen, dass er 
ja als Dichter in der Maske des Klosterbruders redet. 

Nicht nur das Kunstschaffen, auch die Kunst- 
betrachtung möchte er mit religiöser Weihe durchdringen: 
„Bildersäle werden betrachtet wie Jahrmärkte, und es 
sollten Tempel sein, wo man in stiller und schweigender 
Demut und in herzerhebender Einsamkeit die grossen 
Künstler bewundert." Den Genuss edler Kunstwerke ver- 
gleicht er mit dem Gebet: „Kunstwerke sind nicht nur 
darum da, dass das Auge sie sehe, sondern darum, dass 
man mit entgegenkommendem Herzen in sie hineingehe 
und in ihnen lebe und atme. Es flamme in ihnen ein ewig 
brennendes Lebensöl." *) 

Schliesslich berührt sich seine Religion der Kunst 
doch mit Anschauungen, wie sie kurz vorher in Schillers 
Gedicht „Die Künstler" und in seinen ästhetischen 
Schriften niedergelegt waren. Es scheint ihm das Haupt- 
verdienst der Kunst zu sein, dass sie sowohl unsern Geist 
als unsere Sinne rühre, ja, alle Teile unseres Wesens zu 
einem einzigen neuen Organ zusammenschmelze. Die Kunst 
stelle die höchste, menschliche Vollendung dar; sie schliesse 
uns die Schätze in der menschlichen Brust auf und zeige 
uns alles, was gross und göttlich, in menschlicher Gestalt.«) 

1) Herzensergiessungcn 1797, 138 f. 

2) Herzensergiessungen 1797, 158, 163. 



— 91 — 

So rein sinnbildlich haben leider die Nazarener und 
Eomantiker nach ihm die Religion nicht mehr gefasst. 

Uns aber, die wir heute längst gewohnt sind, die 
Kunst als Religion anzusehen, die wir mit Goethe wissen: 
„Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat Religion" 
— uns will es schwer in den Sinn, dass dies kleine Buch 
eine solche Revolution hervorbringen konnte. Sicherlich 
aber hat es damals vielen Künstlern in einer ihnen zu- 
gänglichen Form die innere Verwandtschaft zwischen Kunst 
und Religion, den hohen Wert der Einheit von Kunst 
und Leben wieder offenbart. 



Interesse für deutsches Hittelalter. 



Wenn Wackenroders und seines Freundes Schriften 
am Ende des Jahrhunderts Epoche machten und eine neue 
Auffassung der vaterländischen Vorzeit, eine Änderung 
des Kunstgeschmackes begründeten, so war natürlich auch 
hier schon lan^e vorgearbeitet. Aber, wie Steig sagt, seit 
1773 war niemand genial genug gewesen, die Wege Herders 
und Goethes einzuschlagen, und das musste die in beiden 
innerlich vorbereitete Abbiegung zum Olassicismus be- 
schleunigen. So konnte es geschehen, dass, als Wacken- 
roder und Tieck die längst vergessene Begeisterung für 
deutsches Mittelalter wieder ins Leben riefen, ihnen niemand 
fremder, ja feindlicher gegenüberstand als die, in deren 
Fussstapfen sie traten. 

Die Anregung, die Wackenroder seinem Freunde Tieck 
gab, die diesen zur Herausgabe der Minnesänger veran- 
lasste, wirkte in ihrem weiteren Verlauf mit zur Be- 
gründung der germanischen Philologie. Die Vorgeschichte 
derselben, ihre allmähliche Entwickelung von Bodmers 
Herausgabe der „Nibelungen" an, der zuerst den 
poetischen Wert unserer mittelalterlichen Poesie erkannte 
oder wenigstens ahnte, bis zur Einwirkung Kochs auf 
seinen Schüler Wackenroder, ist von Raumer in seiner 
„Geschichte der germanischen Philologie" *) und in Scherers 
„Jakob Grimm" so ausführlich dargestellt worden, dass 
hier nur kurz darauf verwiesen zu werden braucht. Anders 
steht es mit dem Interesse und Verständnis für die bildende 
Kunst des Mittelalters. 



1) Raumer, Gesch. d. germ. Phüologie. München 1870, S. 254 f. 



— 93 — 

Da dürfen wir neben Heinecken, Huber und Winkler 
wieder Hagedorn als einen der ersten in Anspruch nehmen, 
die nach historischer Kenntnis der alten deutschen Meister 
strebten.') Er gestand offen, von den welschen Originalen 
am wenigsten zu verstehen. Seine Geschmacksrichtung 
war nordisch, ja, so weit das damals möglich war, deutsch- 
national. Er spottet über die Liebhaber, „die das Schöne 
blos da sehen wollen, wo man das . allgemeine Lob nur 
nachlallen kann". Nach seinem Wunsche müssten Johann 
van Eyck, Holbein und Cranach ihre Stelle in einer Ge- 
schichte des Kolorits finden. Das Grabmal Friedrichs des 
Weisen in Wittenberg von Peter Vischer „mache ein Fach 
in der deutschen Kunstgeschichte". Die, welche das Heil 
allein in Italien und den italienischen Meistern sehen, er- 
innert er an Aldegrevers gründliche und männliche Zeich- 
nung, an Georg Penz' Beziehungen zu Raphaels Schule. 
Gegen die Angriffe von Hogarth verfasste er eine Schutz- 
schrift für Dürer. 

Schon drei Jahre vor Hagedorns einflussreichem Werke 
war der Nürnberger Kupferstecher und Sammler von 
Kupferstichen Knorr für Dürer aufs lebhafteste eingetreten. 
In seinem Buche: „Allgemeine Künstlerhistorie von Knorr, 
Nürnberg 1759" widmet er ein Drittel des ganzen Werkes 
der Beschreibung von Albrecht Dürers Leben und Werken. 2) 
Im Anhang verteidigt er sich gegen die heftigen Angriffe 
der Berliner Litter aturbriefe.-') Zum ersten Mal trägt er 
alle Kupferstiche Dürers nach der Sammlung Gustav 
Silberrads zusammen. Naturgemäss rühmt er Dürer vor 
allem wegen seiner Erfindung der Kupferstechkunst; dazu 
die Gabe, zu sondern und zu unterscheiden, und dass er 
die Natur zu Eat gezogen. 

Dass Herder, wie auf so vielen andern Gebieten, 
so auch in seinem Interesse für deutsches Mittelalter 



1) Justi, Winckelmann I, 326 f. 

2) Daneben wäre noch der Nürnberger Murr zu nennen. Siehe 
Erich Schmidt, Charakteristiken I, 40 f. 2. Aufl. 

8) Briefe, Die neueste Litteratur betreffend; 14. Brief, 6. Teil. 



— 94 — 

einer der Vorläofer der Romantik war, wusste schon 
Brinkmann, als er 1804 an Fritz Jacobi schrieb'): ^Hat 
Herder nicht die Volkslieder, die Legenden, die Dichter 
des Mittelalters studiert und gepriesen, als die Verfasser 
des Athenäums noch in den Kinderschuhen gingen?^ 

Schon Herder gab in der That eine neue Auffassung 
des Mittelalters. Für die Aufklärer war es nichts als 
eine Zeit der Barbarei, der Nacht und Finsternis auf allen 
geistigen und materiellen Lebensgebieten. Noch das Buch 
des Professor Meiners: „Historische Vergleichuug der 
Sitten und Verfassungen, der Gesetze und Gewerbe, des 
Handels und der Religion, der Wissenschaften und Lehr- 
anstalten des ^littelalters mit denen unseres Jahrhunderts 
in Rücksicht auf die Vorteile und Nachteile der Auf- 
klärung", das 1793 und 1794 erschien, enüialt den In- 
begriff alles dessen, was ein richtiger Aufklärer dem Mittel- 
alter Übles nachsagen konnte.*) Herder dagegen hatte 
schon zwei Jahrzehnte vorher gewagt, in seiner Schrift: 
„Auch eine Philosophie zur Geschichte der Bildung der 
Menschheit", dem verachteten Mittelalter eine Reihe von 
Vorzügen gegenüber der aufgeklärten Gegenwart nach- 
zuweisen. Nicht zwar wie die Romantiker fand er nur 
zu preisen und zu bewundem: er wollte „erklären". Neben 
den Schattenseiten wollte er auch das Grosse, Erhabene 
und Herrliche dieser verkannten Epoche nicht übersehen. 
Für ihn ist das Mittelalter eine notwendige Durchgangs- 
stufe auf dem Entwicklungsgange der Menschheit Schon 
bei Herder finden wir den romantisch klingenden bitteren 
Seufzer: „In unserm Jahrhundert ist leider! so viel Licht!" •) 

Aus Herders lebendigem Interesse für nationale Eigen- 
art, das Haym wohl mit Recht seinem langen Aufenthalt 
in den Grenzmarken deutschen Lebens zuschreibt*), ging 



«) Zoeppritz, Aus F. H. Jacobi's Nachlass I, 334. 

2) Vgl. Scherer, Vorträge u. Aufsätze zur Geschichte d. geistigen 
Lebens in Deutschland u. Österreich. Berlin 1874, S. 323. 

3) Ranftl, Tiecks Genoveva als romantische Dichtung. 1899, S. 6. 
*) Haym, Herder 1, 112. 



— 95 — 

auch sein Sinn fQr deutsche Vergangenheit in Kunst und 
Dichtung zum Teil hervor. In der Vorrede zu den Volks- 
liedern weist er auf eine zu schreibende Geschichte der 
deutschen Dichtkunst hin; es seien schon schätzbare Bei- 
träge dazu im „Deutschen Museum" von Eschenburg, 
Anton, Seybold u. a. geliefert. Auch mit dem Jeniaschen 
Codex von Minneliedern hatte er sich vertraut gemacht; 
er möchte vor allem die Dichter des 15. bis 17. Jahr- 
hunderts kennen lernen und mit Klopstock und Hamann 
Lutherische Kern- und Machtworte wieder einführen.') 
Unter dem Titel: „Andenken an einige ältere deutsche 
Dichter" (Deutsches Museum 1779, S. 299 f.) behandelt er 
VTeckherlin, Bälde, Andrea. In der fünften Sammlung 
„Zerstreuter Blätter" tbut er einen raschen Gang durch 
die Geschichte der deutschen Dichtung bis auf Opitz und 
nennt das Annolied „ein uralt deutsches pindarisches 
Loblied, das wie eine ungeheure gothische Kirche im 
schönsten Stil des Geschmacks sei." 2) 

Seine italienische Eeise führt ihn — nach dem Pro- 
gramm, das ihm Knebel gemacht hatte ^) — über Bamberg, ' 
Nürnberg, Ansbach und Augsburg. Das unermüdliche 
Interesse, mit dem er die Sehenswürdigkeiten von Bamberg 
und Nürnberg in Augenschein nimmt, Bibliotheken und 
Kirchen, Concertsäle und Kunstsammlungen besucht, zeigt 
ebenfalls die natürliche Verwandtschaft zwischen Herder 
und den Romantikern. Wie Wackenroder später schreibt, 
er habe in den ehrwürdigen Büchersälen Nürnbergs in 
einem engen Winkel beim Dämmerlicht der kleinen, rund- 
scheibigen Fenster gesessen, über den Folianten des 
wackeren Hans Sachs oder über anderem alten, gelben 
wurmgefressenen Papier gebrütet, und unter den kühnen 
Gewölben der düstern Kirchen gewandelt, wo der Tag 
durch buntbemalte Fenster all das Bildwerk und die 



^) Minor, J. G. Hamann S. 41. 

2) Haym, Herder H, 99 f. 

8) An Knebel, 21. Aug. 1788 (Aus Knebels Litt. Nachlass II, 243). 



— 96 — 

Malereien der alten Zeit wunderbar beleuchtete 0, so that 
jetzt auch Herder. Er sammelt litterarische, gelehrte, 
kirchliche Notizen: er sendet an Goethe als Ertrag seiner 
bibliothekarischen Neugier eine kleine Sammlung von 
Meistersprüchen. ^) Eindringlich stellt sich ihm das Ge- 
triebe des geistlichen Regiments in Bamberg und der 
reichsstädtische Charakter Nürnbergs dar. Er freut sich 
an Albrecht Dürer und allem, was ihm von deutscher 
Art und Kunst entgegentritt! Aber — und das ist es, 
was ihn immer wieder so wesentlich von der Romantik 
unterscheidet: auch im Empfangszimmer des Fürstbischofs, 
hochgefeiert im Lager des aufgeklärten Katholizismus in 
Bamberg, bleibt er Protestant in seinem Empfinden, voll 
heiterer Verwunderung über „das Gewirr in den katho- 
lischen Köpfen."^) 

Im Gegensatz zu Klopstock und den Göttingern, die 
bei ihren Wiederbelebungsversuchen der altdeutschen 
Litteratur bis zu Arminius, zur Barden- und Skaldenpoesie 
zurückgingen, hatte Goethe von jeher seine Zuneigung 
I dem 15. und 16. Jahrhundert zugewandt, wie die Roman- 
tiker später, vor allem Wackenroder. Schon das Äussere 
seiner Vaterstadt, die alten Sitten und Gebräuche, die 
ehrwürdigen Herrlichkeiten, die er in „Dichtung und Wahr- 
heit" beschreibt, mussten ihn auf die Zeit zurückweisen, 
in der das Bürgertum sich zur höchsten Macht empor- 
geschwungen und seine höchste Blüte erreicht hatte. 
Spuren des Rittertums gab es hier nicht; aber überall 
Erinnerungen an bürgerliches Leben und bürgerliche 
Kunst.**) Hier blühte noch das Volkslied, und für die alten 
Volksbücher war in Frankfurt selbst der grösste Markt. 
So hatten es Oberlin, der ihn auf die Urkunden unseres 
Mittelalters hinwies, und Herder in Strassburg leicht, die 



1) Herzensergiessungen 1797, S. 110. 

2) Haym, Herder II, 399. 

3) Ebenda. 

^) Herman Grosse: Goethe und das deutsche Altertum. Ham- 
burg 1875, S. 16. 




97 



in Leipzig zurückgedrän^e Neigung aufs Neue zu er- 
wecken. Was Wackenroder in seinem Aufsatz über Hans 
Saclis ausspracli, empfand auch Goethe zu Anfang der 
siebziger Jahre: „Wenn je die deutsche Poesie Volkspoesie 

Iffar, ao ist sie es im 16, Jahrhundert gewesen". Schon 
Goethe hat den alten Meister Hans Sachs als Dichter er- 
Jiannt und die Stoffe und zum Teil auch die Sprache ') 
jeiner beiden grossen Draiaen Götz und Faust entnahm 
er diesem Jahrhundert, das er, wie die Romantiker, noch 
Sum Mittelalter rechnete. Bis in die Weimarische Zeit 
steht ein guter Teil seines Dichtens unter diesem volks- 
tUmlich-nationalen Einfluss. 
Vielleicht noch begeisterter als für die mittelalterliche ' 
Dichtung ist Goethe in den siebziger Jahren für die ; 
mittelalterliche bildende Kunst eingetreten. In dem Hymnus 
auf das Strassburger Münster geht er in seiner Ver- 
herrlichung der deutschen Baukunst küim über Herders 
Anschauungen hinaus.^) Herders Verhältnis zur Gotik 
war ein weit kühleres, wenn er auch in einer Stelle seines 
Eeisejournals von dem Zuge seiner Seele zum „Gotischen 
Grossen" spricht. Was ihn bewog, Goethes Aufsatz in 
^^B seinem Heft von deutscher Art und Kunst ku wiederholen, 
^^■war wohl vor allem das lebendige NationalgefUhl, das 
^^V -daraus sprach. Auch Goethe, wie Herder früher, war 
gerade durch die unmittelbare Berührung mit dem fremden 
Volkstum sich des Gegensatzes dazu und seines eigenen 
deutscheu Wesens nur um so lebhafter bewusst geworden 
(„Deutschheit emergierend").') Herder aber Hess dem 
begeisterten Hymnus Goethes die nüchternen Erwägungen 
des italienischen Mathematikers Friai folgen, der die Gotik 

') Vgl. Erich Suhmidt, Richai^on, Rousseau und Goethe, Jena 
1875, S, 258 u, 274. (Äucli in Wielanda „Geron" diese altertümliche 
Sprache, RanftI, Tiecks Genoveva S, 206.) 

-) Hettner, Goethea Steüung zur bildenden Kunst seiner Zeit. 
Westermanns Monatshefte 1866, B. 91. 

^) D. Litt,-Oenkni. Bd. 40/41. Tod deutscher Art und Kunst, 
S. XXXI f. 

PÜMBtra XXVL 7 



— 98 — 

w<*sentli(li vom technischen Standpunkt aus beurteilte. 
Auch hier wollte Herder, wie überall, eine auf historischer 
(irundiage ruhende, ästhetisch würdigende Untersuchung.*) 
Hettnta* bedauert, dass der tiefe, bis in die Erörterung 
der h/JcJisten Kunstfragen genial vordringende Inhalt von 
(Jüethes Aufsatz viel weniger beachtet werde, als er ver- 
diene.*) Neuere Herausgeber von Goethes Kunstschriften, 
welche finden, dass Goethe in diesem Aufsatz zu sehr die 
nationale Kunst auf Kosten der Antike betone, sehen das 
we.H(»ntlichste Verdienst Goethes darin, dass er als einer 
der ersten das „Organische" des gotischen Stils empfunden 
und damit der Kpoche Winckelmanns fast um ein Jahr- 
hundert voi'iiusg(»eilt sei.') Goethe empfindet bereits den 
Zusammenhang der „beiden einzigen organischen Stile, 
welche die G(»s(ihichte der Architektur kennt", der Antike 
und d(»r (jotik. Die Namen Erwin und Bramante nennt 
Goelhe in einem Atem — eine der wenigen Äusserungen, 
die den Weg zeigen, auf dem die scheinbar unerklärlichen 
Widersprüehe zwischen den Kunstanschauungen des jungen 
und des alten Goethe zu lösen sind. 

Er polemisiert in seinem Aufsatz „Von Deutscher 
Baukunst" vor allem gegen die falschen Vorstellungen, 
die durch das Wort „gotisch" erweckt werden. „Ein 
abgesagter Feind der verworrenen Willkürlichkeiten 
gotischer Verzierungen, häufte ich unter der Rubrik 
„gotisch" alle synonjmien Missverständnisse, die mir vom 
Unbestimmten, Unnatürlichen. Aufgeflickten. Überladenen 
jtMuals durch den Kopf gegangen waren." Daher tritt 
tu* dafür ein, dass man diese Baukunst deutsch, nicht 
gotisch nenne"'): „Soll ich nicht ergrimmen, heiliger Erwin, 
wtuui der deutsche Kunstgelehrte, auf Hörensagen neidischer 
Nachbarn, seinen Voi-zug verkennt, dein Werk mit dem 
uuYtn'standt^nen Worte gotisch verkleinert? Da er Gott 

n Litt. Denkm, Bd. 40/41, S. XXXUl. 

'^\ Hettner, Goethes SteUung zur bildenden Kunst seiner Zeit 
Westermanns Monatshefte 1806, S. 91. 

^) Spemann, Goethes W. Bd. XXX, Einl. S. XV. 

^) Kiotelberger, Goethe als KunstschrütsteUer . Wien 1S84. S. 



99 



I All 



I kl; 

1 re 



lanken sollte, laut verkünden zu können, das ist deutsche 
■aukuDst, unsere Baukunst, da der Italiener sich keiner 
agenen rühmen darf, viel weniger der Franzos." ') 

Aber nicht nur die gotische Baukunst des Mittel- 
alters hat Goethe damals in einer Weise gewürdigt, in 
der nur wenige Ihm nachzukommen' vermochten — auch 
für die im Grossen und Ganzen noch sehr verachtete 
;unst Dürers wagt er einzutreten. Schon in dem Auf- 
iatz „Von deutscher Baukunst" hatte er sich aufs wärmste 
seiner angenommen : „Wie sehr unsere geschminkten Puppen- 
maler mir verhasst sind, mag ich nicht deklamieren; sie 
haben durch theatralische vStellungeu, erlogene Teints und 
bunte Kleider die Augen der Weiber gefangen. Männ- 
LCher Alhreclit Dürer, den die Neulinge anspötteln, deine 
lolzgeschnitzteste Gestalt ist mir willkommener . . . Nur 
wo Vertraulichkeit und Bedürfnislosigkeit wohnen, 
'ohnt alle Künstlerkraft und wehe dem Künstler, der 
line Hütte verlässt, um in den akademischen Prunk- 
ibäuden sieh zu verflattern." 

Auch in den ersten Jahren in Weimar dauert das 
iterease an Dürers Kunst noch fort, wie zahlreiche Brief- 
steilen bezeugen. Merck liess 1780 im Merkur einen 
Aufsatz erscheinen mit dem Titel: „Einige Rettungen für 
das Andenken Dürers." Auch für die Erhaltung der 
alten Gemälde bricht Goethe eine Lanze, wenn er an Lavater 
schreibt^): „Halten wir die Trümmer der Statuen so wert, 
klauben wir sie aus dem Gräuel der Verwüstung und der 
,estauration so ängsUich hervor, warum nicht Gemälde?" 
lesonders in den Briefen an Merck und Lavater wird er 
^cht niUde, Dürers Grösse zu preisen: Lerne man Dürer 
recht im Innersten erkennen, so überzeuge man sich immer 
mehr, dass er an Wahrheit, Erhabenheit und selbst An- 
mut nur die ersten Italiener zu Seinesgleichen habe,'') und 



t) D. Litt. Denkm. Bd. 40/41, S, 80. 

«) Vgl. Volbehr, Goethe und die Wldende Kunot, 1895, 

') Vgl. Hettner a, a. 0. S. 82 f. 



— too — 

von Hans Sachs weiss er in der „Poetischen Sendung" 
nichts Höheres zu rühmen, als dasa die Welt vor ihm 
stehe, wie Albrecht Dürer sie gesehen habe. 

Und dann kommt die allmähliche Umwandlung seiner 
Kunstanschauungen zum Claseicismus. Zwar bei seinem 
Besuch in Berlin sieht er sich noch mit Eifer in allen 
Gebieten der Kunst um'): er besucht die Poraellanfabrik 
und die Kunstschätze in Sanssouci, er macht dem Portrait- 
maler G-raff einen Besuch und führt den Herzog zu Cbodo- 
wiecki. Als er nach Italien reist, wirken in München — 
zu seinem eigenen Befremden — die Antiken gar nicht, 
dagegen Dürer und Rubens so stark auf ihn, dass die 
Italiener daneben zurücktreten. Aber in einem Brief aus 
Bologna 1786 bedauert er schon, dass das Schicksal Dürer 
nicht tiefer nach Italien geführt habe; ein Bedauern, das 
Wackenroder in den „Herzensergiessungen" nicht teilen 
konnte.') 1790 entsteht bei einem Ausflug nach Venedig 
sein Epigramm über Dürer.'') Er nennt ihn zusammen 
mit Peter Bveughel und sagt von ihm, dass er „unser 
gesundes Gehirn mit apokalyptischen Bildern, Menschen 
und Grillen zugleich zerrütte."* In den „Propyläen" wird 
sein Name von Goethe nicht ein einziges Mal genannt.*) 
Goethe war auf dem Höbepunkt seiner classicistischen 
Kunstanschauung in eben dem Äugenblick, wo die junge 
Generation die Anregungen seiner siebziger Jahre am 
entschlossensten aufnahm. 

Für die deutschen Künstler des Mittelalters hatte 
auch Lavater schon früh ein offenes Auge. So schreibt 
er am 5. August 1780 an Goethe, dass er sich wieder 
einmal an Holbeins unsterblichen Werken in Basel ge- 
labt habe. Er sieht Inspiration im eigentUchsten Sinne 
in ihnen, die seines Ermessens alles übertreffen, was er 



>) Volbehr a. a. 0., S. 137. 

*) Koberatein. Litteraturgesch. 4. Aufl. m, 2171 Anm. 
B) H. Grosse, Goethe u. das deutsche Altertum. 1875, S 
*) Spemann, Goethes W. XXX, Eini. S. XX. 



101 — 



emi 
■■in 



I sow 

I und 



.annlieim, Düsseldorf, Schleissheici gesehen — in Än- 
seLuag der Zeichnung, des Colorites uud der Poesie.') 

Goethe soll alle Reisenden an diese höchst herrlichen 
"Werke des Genius vorweisen, während Mengs nach seiner 
Meinung nur Malertalente hat. Über Dürers Porträt 
Carls V. mdchte er in seiner Begeisterung ein Buch 
schreiben.'') Er iat es, der den Maler Tischbein an Goethe 
empfiehlt, der gerne „Geschichten der Deutschen" malen 
möchte.') Auch ein „herrlich Rubensisches Fruchtetück" 
idet er an Goethe.-*) 

Als einen würdigen Genossen Goethes und Herders 
in den Blättern von Deutscher Art und Kunst haben 
wir Justus Moeser anzusehen. Er hatte die später auf- 
gegebene Absicht, „alle deutschen Poeten, welche bis zu 
Ende des 15. Jahrhunderts geschrieben haben", heraus- 
zugeben, und teilte in den „Patriotischen Phanta9ien"ein paar 
deutsche Minnelieder mit. Unendlich bedeutungsvoller aber 
ist sein Interesse für die deutsche Vergangenheit, die tiefen 
und anregenden Blicke, die er in allen seinen Schriften, 
sowohl in der „Osnabrückischen Geschichte", wie in den 
■jjtPatriotischen Phantasien" in die Denkweise und Sitte 

deutschen Volkes tbut,^) 

In den „Vorlesungen über die schönen Wissenschaften 
und über Malerei" von Chr. D. Schubart, dem Stürmer 
und Dränger, finden wir die Spuren von Herders und 
Goethes Begeisterung für deutsche Art und Kunst. Er 
■weist selbst auf das „herrliche Buch" hin. Wer recht 
kerndeutsch lernen wolle, der lese die Minnesinger, die 
alten deutschen Gedichte, Luthers Bibelübersetzung und 
andere kraftvolle Schriften dieses Mannes. Reineke der 



1) Schriften der Goethe-GeseUschaft. Bd. 16: Goethe u 
. von Heinrich Funck. s. 129 ff. 
ä) Ebenda S. 229. 



s) Raumer. Gesch. i 



. Philologie. München 1870, S. 2Ö4. 



102 



Fuclis gilt ihni als „altes deutsches Pehrot und Korn"; 
68 brauche keine Empfehlung und sei ein applikatives 
Gesetzbuch der Deutschen. Auch gegen die „unbillige 
Verachtung'', in der Hans Sachs steht, tritt er auf; er 
sei reich an poetischen Erfindungen. Und ohne Polemik 
wäre ihm Luther einer der grössten Dichter, die je gelebt ' 
haben. 

In den .,Vorlesungen über Malerei" wirft er sich vor 
allem zum Lobredner Dürers auf. Er sieht in ihm ein 
universelles Klinstlergenie, das, wie Lionardo da Vinci, ' 
nicht nur, Maler, Bildhauer und theoretischer Schriftsteller 
über die Malerei gewesen, sondern auch noch der Erfinder ' 
des Kupferstechens und der Holzschnitte sei. Hagedorns 
Schrift erscheint ihna dilettantisch und dunkel; Sandrarts, ] 
des Biographen DUrers, „Akademie" dagegen ist ihm an- 
schauender Unterricht. Er nennt Dürer den „Michel Ängelo 
der Deutschen". „Ohne die Antiken studiert zu haben, 
ward er der Stifter der Malerei, blos von der Hand des 
göttlichen Genies geleitet." 

Mit so offenem, für alles Schöne empfänglichem Sinn 
Wilhelm Heinse aller Art von Kunst gegenüberstand, so 
ist doch sein Verhältnis zur deutschen mittelalterlichen 
Kunst viel weniger ausgeprägt. In den Zwiegesprächen 
über Kunst zwischen Ardinghello und Diemietri in seinem 
Kunstroman „Ardinghello" — die violleicht Copien sind 
von Unterredungen zwischen Heinse und Maler Müller 
in Rom ') — kommt einmal die Rede auf Dürer, ein anderes 
Mal auf gothische Baukunst. Es ergiebt sich da ein weit ' 
grösseres Verständnis für die Architektur als für den 
alten deutschen Meister, der in seiner frommen Beschränkung 
dem Binnenfreudigen Künstler ferner liegen musste, der 
einmal behauptete: „Die Kunst hat so lange gedauert, 
als die Gymnasien dauerten." „Zu der Zeit, wo die Menschen 



') Vgl. Schober, J. J. W. H. Heinse, sein Leben und seine Werlte. 
Leipzig 1SB2. S. 91. 



— lOS — 



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^^^ Bawkui 
^^^kTon ao 

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ain meisten lebten ond genossen, war die Kunst am 
grössten; zu der Zeit, wo sie am elendesten waren, am 
schlechtesten. Dies ist die Geschichte derselben in wpnifr 
Worten." „Bei einer gotischen Moral kann keine andre 
gotische Kunst stattfinden." ') Über die gotische 
Baukunst heisst es bei Gelegenheit einer Gegenüberstellung 
fTon antiken Tempeln und christlichen Kirchen; „Ein feier- 
licher gotischer Dom mit seinem freien, ungeheuem 
, von vernünftigen Barbaren entworfen, wo die 
Stimme des Priestera Dotmer wird, und der Choral des 
Volks ein Meersturm, der den Vater des Weltalls preist 
und den kühnsten Ungläubigen erschüttert, indess der 
Tyrann der Musik, die Orgel, wie ein Orkan darein rast 
und tiefe Fluten wälzt, wird immer das kleine Gemacht 
im Grossen, sei's nach dem niedUchsten Venustempel von 
im geschmackvollsten Athenicnserl bei einem Mann von 
iBverfölschtem Sinn zu Schanden machen."^) Von Albrecht ' 
lürer ist die Rede, als die Freunde theoretische Werke 
■ober die Verhältnisse des menschlichen Körpers durch- 
Behen. „Wenige hätten die Theorie ihrer Kunst so inne 
ihabt — meint der eine der Freunde unter allen 

leuern Malern und Bildhauern als dieser; man fände 
lei ihm ein erstaunliches Studium: aber ?,um Hohen und 
Schiinen derselben sei er nicht gelangt, weil niemand aus seiner 
Nation und aus seinem Zeitalter könne, Dies hange ausser 
dem Innern noch gar zu viel von Glück und Zufall ab. 
Wir könnten das Lebendige nicht anders nachbilden, als 
bis wir es entweder selbst gelebt oder mit unsern Sinnen 
in ergreifender Wirklichkeit empfunden hätten. Ohne 
Periicles und Aspasia,Älkibiaden, Phrynen und ihresgleichen 
alt und jung: kein Phidias, Praxiteles und Apelles. Albrecht 
Dürer habe den Nürnberger Goldschmiedsjungen nie 
vöUig aus sich bringen können; in seinen Arbeiten sei 
ein Fleiss bis zur Angst, der ihn nie weiten Gesichtskreis 



") Heinse, 8. W. hrsg. v. Scliüddekopf. 1902. IV. 281. 
') Heinse, a. a. 0. 31. 



104 



und Erhabenheit habe gewinnen lassen: and Wos des- 
wegen hätte ihn Michel Angelo so sehr gehasst. Seine 
meisten Compositionen wären Passionsgeschichten und 
Hexen und Teufel. Er als verlorner Sohn am Troge 
bei Schweinen, die Trebern fressen. Proserpina, wie sie 
Pluto auf einem Bocke holt, Diana, wie sie eine Nymphe 
mit dem Knittel bei einem Satyr prügelt: zeigten genug 
seine nnssleitete Phantasie, Sonst sei er ein wackerer 
Meister, habe Kraft und Stärke, und ein guter Kopf von 
richtigem Geschmack könne viel von ihm lernen." ') — 

Wie wenig Georg Forster von seinem classicistiscIieQ 
Standpunkt aus sich für mittelalterliche Kunst zu begeistern 
vermochte, haben wir bereits früher gesehen. Weder der 
Kölner Dom noch Dürerscbe Gemälde in der Düsseldorfer 
Gallerie erringen seine Bewunderung, und im dritten Teil 
seiner „Ansichten", der in England geschrieben ist. spricht 
er sehr verächtlich von „unserer Periode des Nürnbergischen 
und Augsburgischen Geschmacks".-) 

Und gar die Sehnsucht von Karl Philipp Moritz ging 
80 ausschliesslich nach ItaUen, dem goldenen Lande der 
Kunst, dass dabei für deutsches Mittelalter nichts mehr 
(ihrig blieb. Auf einer Reise nach Nürnberg fällt ihm 
hauptsächlich der Äristokratendruck auf, der dort herrscht, 
und die dort erhaltenen altdeutschen Gebräuche belustigen 
ihn sebr.') Er bedauert, dass die einst so blühende Stadt 
jetzt so sehr gesunken ist und von Jahr zu Jabi' noch 
tiefer sinkt. Nur durch persönliche Beziehung zu einem 
der „Holzschuher von Neuburg" gelingt es ihm und seinem 
Reisegefährten, die Merkwi^digkeiten der alten Kunst zu 
sehen, ohne dass sie einen sonderlichen Eindruck empfangen 
zu haben scheinen. 

In der Zeitschrift „Italien und Deutschland"*! heisst 



1) Heinse, a. a. 0. 40. 
') Förster, a. a. 0. 111, 122. 
s) Vgl. Klischnig, Anton Reiser V. Berlin 179*. 
*} „Italien n. Ucutschland'. hrsg. v. Nfuritz u. Hirt, Berlin 1 
IL Stück, 8. 16 f. 



es eitimal mit Bezug auf Dflrer — ganz in Goethes Sinne: 

„Dürer ist diis einzige Beispiel eines Künstlers, der ohne 
Unterricht, und Vorspiel besserer Werke aus eigner Kraft 
so weit gekommen. Aber was wäre Dürer geworden, 
wenn er die Antike oder Raphael vor Äugen gehabt hätte." 
Ein Gedicht nach Hans Sachs findet sich iu den von ihm 
herausgegebenen „Denkwürdigkeiten". ') 

Aber nicht nur unter den Dichtern und Kunstliebhabern, 
auch unter den bildenden Künstlern als solchen begann 
sich der Sinn für mittelalterliche Kunst zu regen. Wil- 
helm Tischbein, der aus einer weit verzweigten Künstler- 
familie stammte und später in Rom ganz zur classicistischen 
Richtung überging, dessen „Goethe auf den Ruinen Roms" 
seine bekannteste und woh! auch beste Leistung ist. hat 
anfänglich Stoffe aus der deutschen Vergangenheit zu 
behandeln versucht. Sein „Coaradin von Schwaben" ent- 
stand gegen 1784 aus einer Bodmerschen Anregung in 
Zürich und ist als ein Zeichen des erwachenden Interesses 
an deutscher Vergangenheit aufzunehmen. Vollendet ist 
es erst in Rom, also in der Luft des Classicisnius. Die 
ausserordentliche Verquickung der nationalen Verhältnisse 
äussere sich schon in dieser Entstehungsgeschichte, meint 
Gurlitt.-) In Hamburg hat Tischbein später ganz realistiche 
Historienbilder aus seiner eigenen Zeit, wie den in der 
Oldenburger Gallerie befindlichen „Einzug Genera! Bcnnig- 
sens in Hamburg 1814", gemalt.^) 

Nicht dem Stoffe, wohl aber der Form nach ging 

Daniel Chodowiecki in deutsches Mittelalter zurück. In 

ner treuen, liebevollen Beobachtung und Wiedergabe 

i Lebens, wie es sich um ihn in der Welt abspielte, 

fkann man in der That etwas vom Geist Dürers finden, 

1'Ä.iich er hatte seine Lust daran, die Menschen zu schildern, 

fie sie wirklich sind. Er nahm, wie Woermann sagt, die 

') Karl Ph. Moritz, Denkwürdigkeiten zur Beförderung dea Edlen 
i Schönen. 17&n, 8. 135. 

») Gurlitt, Die deutsche Kunst im 19. Jahi-hundert, 1890. S. 116. 
3) Muther 1,89. 



— 106 — 

deutsche Kunst da nieder auf. wo Dürer und seine Nach- 
folger sie zurückgelassen hatten, und war der erst« deutsche 
Künstler seit langer Zeit, der die Natur wieder mit eigenen 
Augen ansah und mit dem schärfsten Beobachtungsvermögen 
für individuellen Ausdruck und lebendige Vorgänge wieder- 
gab. ') Durch seine Illustrationen zu Lessings ^Minna 
von Barnhelm'*, zu Stolbergs, Bürgers, Gellerts, Claudius*, 
Gessners, Matthissons. Höltys, Blumauers, Nicolais, Klop- 
stocks und Goethes Dichtungen knüpfte er auch das 
Band zwischen Poesie und bildender Kunst wieder enger, 
was ja auch nur im Sinne der Romantiker war. Im 
P>scheinungsjahr der „Herzensergiessungen", 1797, wurde 
er Direktor der Berliner Akademie. 

Man hat den Schleswiger Jakob Asmus Carstens 
immer als den hingestellt, in dem die grosse That Winckel- 
manns lebendig geworden sei. Darin jedenfalls besteht 
eine grosse innere Verwandtschaft zwischen ihnen, dass 
auch für Carstens die Kunst sein Element, seine Religion, 
seine Seligkeit und sein Dasein ist, wie er schreibt. Eben 
darin berührt er sich auch mit dem Verfasser der „Herzens- 
ergiessungen", der ebenso wie Carstens gegen die Regel, 
gegen die Akademien kämpte. 

Was den antikisierenden Künstler Carstens für 
unser Empfinden so wesentlich von all den übrigen 
classicistischen Künstlern in der Art von Mengs unter- 
schc^.idet, ist, dass der Schwung und Adel seiner Linien, 
die Hoheit und Grösse seiner Pormengebung nicht 
ein iluss(Tlichcs Antikisieren und Entlehnen, sondern lebens- 
volles, tiefinniges Schaffen aus seiner innersten Natur 
heraus ist. Schon Hettner hat darauf hingewiesen 2) und 
Gurlitt hat es neuerdings noch eingehender ausgeführt,') 
wie Carstens, den Fernow in sein kantisches System ein- 
pferchte und als einen Sohn der Griechen feierte, so 

i) Woltmann-Woermann, Gesch. d. Malerei III, 1035 f. 
2) Hettner, Goethes Stellung zur bildenden Kunst seiner Zeit. 
Westermanns Monatshefte 1866, S. 91. 
8) GurUtt. a. a. 0. S. 44. 



— 107 — 

deutsch war, dass bis heute kein Nichtdeutscher ernstlich 
von ihm und seinen Werken Kenntnis genommen hat. Er 
war nicht engherzig antikisierend, sondern allen Strömungen 
der Zeit offen. Das wärmste Verständnis für die Meister 
des Mittelalters, neben Raphael und Michel Angelo für 
Dürer, ist bei ihm zu finden. Wenn Mengs sie vornehm 
geschulmeistert hatte, so blickte Carstens mit nacheifernder 
Verehrung zu ihnen empor. Er erkannte in den Bauten 
der Gotik Genie, in denen der Neueren nur Regeln. Er 
schätzte die vorraphaelischen Künstler und sah, wie viel 
Raphael dem Massaccio verdankte. Er verachtete alles 
Copieren und Nachahmen — auch das nach Raphael oder 
nach der Antike. 

Wie sehr man ihn daher auch zum einseitigen Ver- 
treter einseitiger Theorien hat machen wollen, so dürfen 
wir doch gerade Carstens als einen der ersten und wenigen 
in Anspruch nehmen, die die eigenartige Schönheit mittel- 
alterlicher Kunst feinfühlig zu würdigen wussten. 

„Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mir nicht 
erfreulicher sein konnte: mit einem jungen Architekten 
Gilly, den Bernhardi kennt. Aber jede Schilderung ist 
zu schwach! Das ist ein Künstler!! So ein verzehrender 
Enthusiasmus für alte griechische Simplicität! Ich habe 
einige sehr glückliche Stunden ästhetischer Unterhaltung 
mit ihm gehabt. Ein göttlicher Mensch." So schrieb der 
einundzwanzigjährige Wackenroder im Februar 1793 an 
Tieck. ') 

Der im Jahre 1771 geborene Architekt Gilly ist schon 
1800 gestorben — und doch knüpft sich an seinen Namen 
der Aufschwung der Baukunst. Schadow nennt Schinkel 
einmal eine „Naturwiederholung seines Lehrers Gilly". 
Was uns aber hier an ihm interessiert, ist die Thatsache, 
dass er nicht nur einen „verzehrenden Enthusiasmus für 
alte griechische Simplicität" besass, sondern auch mit 
Entzücken die mittelalterliche Baukunst betrachtete. Auf 



t) Holtei, Briefe an L. Tieck, Breslau 1864. IV, 259. 



— 108 — 

einer Inspektionsreise seines Vaters, den er nach West- 
preussen begleitete,verweilte er in derMarienburg and konnte 
sich an den Prachtsälen und herrlich gewölbten Hallen 
des hoch meisterlichen Ritterschlosses nicht sattsehen.*) 
Er fertigte Zeichnungen und Aquarellbilder von einzelnen 
Teilen des Schlosses und veranlasste die Herausgabe eines 
kostbaren Werkes über die Marienburg. Seine Blätter 
fanden in Berlin grossen Beifall. Die Zeichnung mit dem 
Eingang in den Hofmeisterremter wurde Eigentum Friedrich 
Wilhelms II., die mit der Schlosskirche von der Morgen- 
seite Eigentum des Staatsministers von Heinitz, in dessen 
Streben es ja auch lag, vaterländischer Kunst vergangener 
Zeiten die allgemeine Teilnahme zuzuwenden. Gilly lebte 
schon nicht mehr, als die eisenfesten Gewölbe des Hoch- 
schlosses niedersanken, für das er von neuem die Be- 
wunderung wachgerufen hatte. Viel Schönes wurde zer- 
stört; aber so viel hatte Gilly doch erreicht, dass man 
nun das Erhaltene mit um so grösserer Verehrung sicher- 
stellte und bewahrte. 2) 

Ob diese Begegnung Wackenroders mit Gilly die 
einzige geblieben ist oder ob sie nach seiner Rückkehr 
von der Universität wieder zu einander in Beziehung 
traten, lässt sich leider nach den mir zugänglichen Quellen 
nicht feststellen. Jedenfalls hatte er in Gilly einen Kunst- 
begeisterten nach seinem Herzen gefunden, denn in der 
ganzen Zeit des Briefwechsels mit Tieck spricht er von 
keinem Menschen mit so grosser Freude wie von ihm. 
Ungefäbr um dieselbe Zeit, als Wackenroder mit dem 
Freunde nach Süden zog und die Schönheiten Nürnbergs 
entdeckte,') reiste Gilly mit seinem Vater in den Norden 
und zog die Herrlichkeit des alten Schlosses wieder aus 
jahrhundertelanger Vergessenheit hervor. 

Obwohl Fiorillos „Geschichte der zeichnenden Künste" 
erst von 1798 an zu erscheinen begann, also über die 



1) Vgl. Hagen, Die deutsche Kunst in unserm Jahrh. 1857, S. 20 f. 

2) Hagen, a. a. 0. S 29. 

3) Erich Schmidt, Charakteristiken, 1, 44. 



— 109 — 

Zeit, die wir hier untersuchen, hinausführt, so ist von ihm, 
als dem Lehrer Wackenroders in Göttingen, doch schon 
ein Wort zu sagen. Gurlitt nennt ihn einen jener Maler- 
Schriftsteller,') in denen noch ein Tropfen vom Blute 
Vasaris gewesen sei, die die Kunst nicht nach Regeln 
und Gesetzen, sondern nach ihrer Wirkung auf den Künstler 
abschätzen. Was für Goethe in Leipzig Oeser war, das 
bedeutete Fiorillo in Göttingen für Wackenroder. Er war 
ein Schüler Battonis und verteidigte ihn noch gegen Mengs, 
als ihr Streit längst vergessen war. In Winckelmann sah 
er den seine sinnlich heitere Kunst bedrohenden Feind 
und stand auch dem Goethischen Standpunkt naturgemäss 
fremd, ja feindselig gegenüber. Aber auch Dürer konnte 
ihm, dem Halbitaliener, nicht so persönlich lieb werden, 
wie er es seinem deutschen Schüler Wackenroder wurde. 
Er will sich nicht in einen Streit darüber einlassen, ob 
er der grösste Maler Italiens hätte werden können, wie 
er an der Spitze der deutschen Maler stehe. Es sind 
fast Wackenroders Worte, mit denen er dann in seiner 
von 1815 an erscheinenden „Geschichte der zeichnenden 
Künste in Deutschland und den Niederlanden" von Dürer 
spricht. Jeder werde zugestehen müssen, dass ihm das 
Idealische und die erhabene Hoheit der Antike verschlossen | 
geblieben, dass er aber daran seine Lust hatte, uns die 
Menschen zu zeigen, wie sie wirklich waren, und der 
Natur stets treu blieb. ^) Jene strengen Formen aber in 
scharfen Umrissen, jene eckig gebrochenen Falten der 
Gewänder, jene kindliche, gutmütige Einfalt und Beschränkt- 
heit und jener ausserordentliche Fleiss in der Vollendung 
aller Teile seien nicht ausschliessUch Eigenschaften der 
altdeutschen Schule, sondern fänden sich ohne Ausnahme 
in den Werken der alten Maler des 15. und der ersten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts. Unabhängig von Dürer habe 
Bellini so gemalt. Dürer habe seine ganze Geistesgrösse 



1) Gurlitt, a. a. 0. 155. 

2) Fiorillo, Gesch. d. zeich. Künste in Deutschland. 1815, II, 355. 



— 110 — 

in unsterblichen Werken dargestellt, welche die Bewunderung 
aller Jahrhunderte verdienten und die Grundlage des Besten 
und Edt^sten seien, worauf die Nürnberger Malerschule 
stolz sein könne.') Er erwähnt zwei „herrliche" Werke 
Dürers-) in der Gallerie von Salzdahlum bei Braunschweig, 
die Wackenroder besuchte, vielleicht direkt von seinem 
Lehrer darauf hingewiesen. 

Friedrich Schlegel dagegen war in diesem Jahr 1797 
noch der Meinung, an dem Urbilde der Deutschheit, welches 
einige grosse vaterländische Erfinder aufgestellt hätten, 
lasse sich nichts tadeln als die falsche Stellung: »Diese 
Deutschheit liegt nicht hinter uns. sondern vor uns!"') 

Wie eng überall die Interessen für deutsche bildende 
Kunst des Mittelalters und für die Litteratur desselben 
zusammenhingen, haben wir gesehen. Aus dem Anschauen 
mittelalterlicher Kunstdenkmäler kommt man zum Studium 
der Litteratur, und dieses Studium der alten Utterator 
wirkt wieder anregend und belebend auf die bildenden 
Künstler und Kunstliebhaber. 

Ebenso war es Wackenroder ergangen, der aus seinen 
Studien in der mittelhochdeutschen Litteratur heraus zuerst 
zum Verständnis der bildenden Kunst dieser Zeit geführt 
wxunde. Er, der in den Briefen an Tieck noch £ranz kosmo- 
politische Anschauungen vorträgt, der es nicht begreift, 
warum man vaterländische Gt^schichte lehre — die 
Geschichte jedes beliebigen Landes würde dieselben Zwecke 
erfüllen — er lernt jetzt um Dürers willen sich ft^uen, 
dass er ein Deutscher ist. Auch Koch hatte dem alten 
Meister in seinem Compendium Beachtung gesjchenkt und 
seine kunstiheoretischen Schriften hervorgehoben, E5s 
stimmte auch mit Reichardts Tendenzen überein, wenn er 
das .Ehrengedächtnis Albrecht Dürers'* in sein Journal 
.I>euisc3i3and~ 1796 au&ahni. das ja i^^rade ein Orgjui 



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Lj-ceniii5-Fr»giD«n 1797 



— 111 — 

für deutsche Sprache und Vergangenheit, für deutsche 
Art und Kunst sein sollte. 

Nun scheint es Wackenroder beklagenswert, dass 
unsern Zeiten der festbestimmte deutsche Charakter, das 
ernsthafte, gerade und kräftige Wesen verloren gegangen 
ist. „Die deutsche Kunst war ein frommer Jüngling in 
den Ringmauern einer kleinen Stadt unter Rlutsfreunden 
häuslich erzogen — nun sie älter ist, ist sie zum all- 
gemeinen Weltmanne geworden, der mit kleinstädtischen 
Sitten zugleich sein Gefühl und sein eigentümliches Ge- 
präge von der Seele weggewischt hat." *) Er freut sich, 
dass das Schicksal dem deutschen Boden an Dürer einen 
echt vaterländischen Maler gegönnt habe. Es war 
sicherlich nicht nur das Bedürfnis nach einer „idealen 
Ferne", was die Romantiker zum Mittelalter und seiner 
Kunst zurückgreifen liess, wiu Ricarda Huch gemeint hat, 
sondern auch — bei Wackenroder voran — das durch 
eingehende Studien erworbene liebevolle Verständnis für 
diesen Zeitraum der deutschen Vergangenheit. Einen Be- 
weis für diese Behauptung hat jedenfalls die Geschichte 
der germanischen Philologie ergeben. 

Sobald Wackenroder einmal den Wert des sonst so ver- 
achteten Mittelalters erkannt hat, nimmt er sich desselben 
mit dem ganzen Eifer seiner warmen, liebreichen Seele 
an, weil es ihn freut, dort Schönes und Verehrungswürdiges 
zu finden, wo man bisher nur verdammt und verhöhnt 
hatte. 

Was ihm bei Dürer zuerst so gefällt, ist, dass er so 
einfach und gerade, ohne die zierlichen Umschweife anderer 
Maler, uns die Menschheit in voller Seele, klar und 
deutlich vor x\ugen stellt. Er findet darin seine Ver- 
wandtschaft mit Raphael. 

Aber er hat sich damals nicht getraut, seine Meinung 
jemandem zu entdecken, weil er glaubte, dass jeder ihn 
verlachen würde, da er wohl wusste, dass die Meisten in 



\ 
\ 



i) Herzensergiessungen 1797, S. 123 



— 112 — 

dem alten deutschen Maler nichts als etwas sehr Steifes 
und Trockenes sehen. So musste es ihm natürlich eine 
grosse Freude sein, im Vasari zu lesen, dass die beiden 
herrlichen Künstler bei ihren Lebzeiten, ohne sich zu 
kennen, Freunde gewesen, dass Raphael die redlichen, treuen 
Arbeiten des Deutschen mit Wohlgefallen betrachtet und 
sie seiner Liebe nicht unwert geachtet habe.') 

Nun segnet er die goldene Zeit Nürnbergs, die einzige 
Zeit, da Deutschland sich rühmen konnte, eine eigene 
vaterländische Kunst zu haben. Nun will er unter der 
heutigen, fremden Welt der Herold von Dürers Namen 
sein. Es ist ihm zur unumstösslichen Gewissheit geworden: 
„Nicht nur unter italienischem Himmel, unter majestätischen 
Kuppeln und korinthischen Säulen — auch unter Spitz- 
gewölben, kraus verzierten Gebäuden und gothischen 
Türmen wächst wahre Kunst hervor." ^^j 



1) Herzensergiessungen 1797, S. 125, 128. 

2) Ebenda S. 129. 



Interesse fär Musik. 



Wie bereits im Vorwort angedeutet wurde, ist hier 
das wissenschaftliche Material noch so wenig gesammelt, 
dass in diesem Zusammenhang nur ein paar kurze Streif- 
lichter gegeben werden können. Die Frage, welche Dichter 
und Schriftsteller der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
ein näheres Verhältnis zur Musik gehabt haben und welcher 
Art dieses Verhältnis gewesen ist, kann erschöpfend nur 
von einem musiktheoretisch Geschulten veranschaulicht 
werden*). So viel aber lässt sich heute schon sagen: es 
sind nicht die ganz Grossen im dichterischen Schaffen ge- 
wesen, denen die Schwesterkunst der Musik am nächsten 
stand. Sicherhch zwar ist die grosse protestantische 
Kirchenmusik von Bach und Händel nicht ohne Einfluss 
auf Klopstock z. B. geblieben, den man zu den musika- 
lischen Dichtern des 18. Jahrhunderts rechnet. Vor allem 
beim „Messias" ist das nicht zu verkennen. Aber wenn 
man ihn auch den „Gluck der Poesie" nannte, wenn auch 
in seinem Hause in Hamburg durch seine Nichte und 
spätere zweite Gattin die Musik eifrigst gepflegt wurde, 
— er war der „musikalische Dichter", w^eil er lyrischen 
Wohllaut und Tonmalerei wieder in die Dichtung einführte, 
nicht, weil er tiefe Aufschlüsse über das Wesen der 
Musik gegeben hätte. Der Stürmer und Dränger Schubart 
dagegen, der Musikunterricht gab und über Musik 
schrieb, war eine im eigentlichen Sinne musikalische 
Natur. Besonders ein Aufenthalt in Nürnberg hatte 

1) Max Friedlaender, Das deutsche Lied im 18. Jahrhundert, 1^02. 

Pal.'iestra XXVI. 8 



— 114 — 

bei ihm Epoche i^^einacht. Jn der Mitte des 18. Jahr- 
hunderts war Niirnher^^ eine sehr musikalische Stadt, wo 
Kirchen, Häuser, tiottesäcker, Gassen und Strassen von 
vierstimmigen Motetten, Arien, Fu^^en und Chorälen wieder- 
tönten J) Wieland hat den Text ZAir Schweitzerischen Oper 
„Alceste" gedichtet, di(i von Goethe in „Götter, Helden 
und Wieland" sehr verspottet wurde, und unter Glucks 
Einwirkung ist auch ein Versuch über das „Teutschc 
Singspiel'' entstanden, den Wieland im „Teutschen Merkur" 
im Jahre 1775 veröftentlichte, und dessen Gedanken schon 
an Richard Wagners Anschauungen über das musikalische 
Drama heranstreifen. Von dem grossen Polemiker und 
Kämpfer Lessing wird niemand intime musikalische Fein- 
heit des Gefühls und des Gehörs erwarten. Aber er er- 
setzte durch Klarheit des Blickes, durch Schärfe des Geistes, 
was ihm an Feinfühligkeit abging. Er hatte die Absicht, 
dem ,,Laokoon" eine Fortsetzung zu geben, in der er eine 
Würdigung der dramatischen Kunst, auch der musika- 
lischen Verbindung plante. In Berlin war er in naher 
persönlicher Berührung mit angesehenen Musikern wie 
Marpurg und Quanz gewestui. Im 26. und 27. Stück 
der „Hamburgischen Dramaturgie" gab ihm die Auf- 
führung der „Semiramis" von Voltaire (w^ozu Agricola 
eine nach Lessings urteil vortrettliclie ^lusik komponiert 
hatte) Anlass, die Beziehungen zwischen Musik und Poesie, 
Scheibe folgend, zu erläutern.*-) Von einer innigeren Ver- 
einigung der Dichtkunst mit der Musik erwartete auch 
Lessing schon die Umgestaltung der Opt^r. 

Schiller nannte sich in einem Briefe an Herder einen 
vollkommenen Laien im Musikfach, und Goethe gegenüber 
äusserte er einmal: „In Angelegenheiten der ^Nlusik habe 
ich wenig Kompetenz und Einsicht." An Schillers musik- 
ästhetiseher Autfassung hatte Körner den grössten An- 

») Prutz, LitterarhistiH-isclies Tasi-henbucli. 1S47. S. 407. 
-) Altred Bock: Deutsche Dichter in ihren Beziehungen zur 
Musik, Leipzig, 1S93, S. 48 (T. Vgl. Waniek, Gottsched S. 205. 



— 115 — 

teil; Körner aber bedeutet nicht eben die Höhe musika- 
lischen Verständnisses. Auch Goethes Sinn für Musik 
war wenig entwickelt. Seiner auf das Anschauliche 
gerichteten Natur gemäss musste er ein näheres 
Verhältnis zu den bildenden Künsten haben, als zur 
Musik, dieser Kunst der absoluten Innerlichkeit. Dass er 
gemeinsam mit seinem Freunde Zelter dem Genie eines 
Beethoven zurückhaltend gegenüberstand, ist bezeichnend 
genug. Mozarts göttliche Heiterkeit hat er freilich em- 
pfunden und genossen. Das innigste Verhältnis dagegen 
hatte Herder zur Musik, den Goethe selbst die musika- 
lische Natur nannte, die „in die Welt horche." Und 
in der Tat liebte Herder die Tonkunst über alles; sie 
übte auf ihn, wie J. G. Müller berichtet, eine ähnliche 
stimmende Gewalt wie die Natur. Wenn Lessing die 
Grenzen zwischen Malerei und Poesie festsetzte, so wollte 
Herder die Grenzen zwischen Musik und Poesie bestimmen. 
Er erkannte, wie schon Klopstock vor ihm, dass die Poesie 
ausser einem malerischen auch einen musikalischen Be- 
standteil habe und wies das im Homer nach. Im Vierten 
kritischen Wäldchen verlangt er die Begründung einer 
Wissenschaft vom einfachen Ton, eine musikalische Mona- 
dologie. Es ist wohl noch als Einfluss Rousseaus an- 
zusehen, wenn er die nordische Musik als eine unpoetische, 
auf dem Verhältnis der Töne, auf Harmonie gebaute ab- 
lehnt, und die italienische als die Musik der Leidenschaften 
und Empfindungen feiert.') 

Durch die Musik suchte Herder das Verständnis des 
Wesens der Tragödie zu erschHessen, ein Versuch, den 
in unsern Tagen Friedrich Nietzsche in seinem ersten 
Buch: „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der 
Musik" wiederholt hat. Dem Prediger Herder musste 
begreiflicherweise die Kirchenmusik der Mittelpunkt seines 
musikalischen Interesses sein, zu der sich auch sein roman- 
tischer Schüler Wackenroder am meisten hingezogen fühlte. 



i) Haym, Herder I, 250. 

8' 



— 11(> — 

Wenn wir Herder in seiiKun Kampf gegen Kant sonst wenig 
beistimmen können, inbezug auf musikästlietische Urteile 
ist er dem Philosophen der reinen Vernunft unvergleichlich 
überlegen.') Kant zweifelte, ob man die Tonkunst über- 
haupt zu den schönen Künsten rechnen dürfe, während 
Herder mit der Tiefe und Virtuosität seines musikalischen 
Empfindens sie selbst über die bildende Kunst weit erhob. 
Mit Luther sieht er in der Kunst eine zweite Theologie, 
die ihn in Händeis „ilessias" aufs tiefste ergriff, wie er 
ja ül)erhaupt den Aufschwung der deutschen Musik unter 
Gluck, unter Haydn und Mozart miterlebte und zu 
geniessen wusste. Je mehr seine musikalischen Erfahrungen 
sich bereicherten, umso wichtiger wurde ihm die Kirchen- 
musik und die Bedeutung der Tonkunst für das religiöse 
Leb(Mi. Er leitest die christhchen Hymnen aus den Psalmen 
ab und aus dem Einfiuss der Hymnen den veränderten 
Oharakter der neueren Musik. Das über das Individuell«^ 
und Xatioiielle erhabene Allgemeine und Feierliche, das 
„substanziell Christliche'' dieser Gesänge habe die Poesie 
unter die Herrschaft der Musik gebracht. Dadurch habe 
die fortan herrschende Musik, „die gleichsam von einem 
unermesslichen Chor in den Wolken getragen war", für 
sich selber ein Gebäude der Harmonie ausbilden müssen. 
Durch den christlichen (rcsang sei also, wie Herder in 
der siebenten Sammlunüf der Humanitätsbriefe nachweisen 
will, die Harmonie der Stimmen im Konzert der Völker 
gleichsam gegeben gewesen. 

Wie die Romantiker später die Musik als die tiefste 
aller Künste ansahen, so übertrifft sie auch für Herder 
jede andere Kunst, die am Sichtbaren haftet. Sie erreicht 
für ihn den Gipfel, wenn sie sich durch das Bedürfnis der 
Andacht von den Schwesterkünsten der Poesie und des 
Tanzes sondert. Er sieht in ihr die spezifisch religiöse 
Kunst, die „frei über der Erde schwebend, alle Schwin- 
gungen des Weltgeistes fühlbar mache".-) 

') Haym. Hordor, II, TuS. 
2) Haym. Herder II, 7H». 



117 



Ein gleich iutiiiies, eindringendes Vßrständnis fUr 
fcllusili tiiiden wir in jenen Jahrzehnten nur nocli bei dem 
I Dichter und Kunatschriftsteller Wilhelm Heinse (den so- 
leben Sehilddekopf im Insel -Verlag neu horausgiebt). 
■Jn seltenstem Masse vereinte sich in diesem Stürmer 
l.ijnd Dränger, der vor Goethe schon Italien als das Land 
pBeiner heissesteu Sehnsucht suchte, der im Italien der 
Renaissance sein höchstes Ideal fand, die Liebe zur Dicht- 
Ikuast mit der zu den bildenden Klinsten nnd zur Musik. 
iMit Meisterschaft beherrschte er Ciavier und Orgel. 
Friedrich Heinrich Jacobi in Düsseldorf, mit 
f-.dem er die Liehe zur Musik teilt, schreibt er: „Keine 
Kunst trifft doch so unmittelbar die Seele wie die 
Musik, und es ist, als ob der Ton mit der Seele von 
gleichem Wesen wäre, so augenblicklich und ganz ver- 
I einigt er sich mit ihr. Malerei, Bildliauerkunst und Eau- 
Ikunst sind tot gegen eine süsse Stimme oder überhaupt 
I schon gegen reinen Klang. Dieser ist das Sinnlichste, 
was der Mensch vom Ijeben fassen kann. Ich wollte, 
i man hauptsilchlich in den Kirchen mit erhabener, 
tfcinfiUtiger, reiner Musik Gott verehrte. Licht und Ton 
Isind das Heiligste, was in der Natur ist.'-') Musik und 
I Poesie als Künste für die Seele stellt er daher über die 
bildende Kunst, die mehr für das Auge sei. MttPythagoras 
glaubt er, dass das eigentliche Element, worin die Geister 
existieren, reiner Klang und Ton sei.^) Die meisten seiner 
musikalischen Urteile tinden wir in seinem Roman: „Hitde- 
fcigard von Hohonthal", von dem der Coadjutor von Dalberg'j 
k äusserte, es sei ihm kein anderes Werk bekamit. das tiefere 
i Blicke in das Wesen der Musik mit einer so glühenden 
Darstellung vereinige. Dieses Lob gönnte ihm freilich 
der Komponist Keichardt nicht. Er schrieb in seinem 
„Deutschland" 179ß und im _Lyccuni" 1797 eine sehr go- 



•) Heliise. S. W. hei'aiisgejiebeii von Laube I83S, 9, 1' 
*) Heiiise, herailssoKeliPii vnn ydiik]dfWü|)1', IV, IW. 
») Heiusu, herausgL-gi'lii^n von Lttube, ü, ^53. 



— 118 — 

liässige Kritik der .JIilde<rard". »Seit dem Erscheinen 
des „Ardiiigliello" sei ihm kein Buch vorgekommen, das 
dem ^vahren Studium der Kunst und dem guten Geschmack 
nachtoiUger sei als die „Hildegard". Heinse. von dessen 
liddenschaftlicher Erdenfreudigkeit man es am wenigsten 
erwarten sollte, ist doch einer der ersten gewesen, der auf 
den alten strengen, italienisch(Mi Kirchenstil wieder zurück- 
ging und dessen eingehende Besprechungen von Palestrinas, 
Allegris und Pcn-golesc^s Kunst Meisterwerke feiner und 
sittlich ernster Charakteristik sindJ) Mit prophetischem 
Blick erkannte er das Stahat mater von Pergolese als 
unsterblich und wusste früh die Bedeutung Glucks für die 
Ref(n*mation der Oper zu ermessen. Jedenfalls ist das 
Verhältnis Heinses zur Musik so bedeutungsvoll, dass es 
eine eigne grössere Arbeit verdiente.-) Wir dürfen bei dem 
lange verkannten, heute» wieder mehr gewürdigten Manne 
mindestens ebenso die Feinheit seiner musikalischen Inter- 
pretation gemessen, wie wir ihn als einen der ersten 
Schriftsteller über bildende Kunst schätzen. Sicherlich 
muss sein genialer Versuch, die Gegensätze von 
Natur und Kunst zu versöhnen, „die antike Begeisterung 
für die schöne Form mit dem leidenschaftlichen Pathos 
der Romantik zu vermählen", uns noch ht^ute Bewunderung 
abnötigen. 

Georg Forster hat in seinen „Ansichten" nur eine 
sehr geringe Meinung vom Wert der Musik. Er stimmt 
mit Plato überein, der die Musik für gefährlich hielt und 
die weiche lydische Tonart aus seiner RepubHk verbannt 
wissen w^ollte. Spöttisch genug meint Forster: „Minder 
streng als der für Tugend schwärmerische Philosoph er- 
kennt unser Zeitalter den Wert einer jeden Leidenschaft, 



1) Hettncr, Gesch. der Litter. d. 18. Jahrb., 18()9 111, aui. 

-) Mit Recht hat K. D. Jessen in seiner tretViichen Schrift über 
„Heinses Stellung zur bildenden Kunst und ihrer Ästhetik** (Berlin 
11)01, S. 6 f.) darauf hingewiesen, dass die Virtuosität im Klavier- 
und Orgelspiel Heinses musikalische Urteile vielleicht noch kom- 
petenter crschoinon Ulsst als die über bildende Kunst. 



— 119 — 

und, siclier in seiner Abspannung, besorgt es keine gewalt- 
same Wirkungen von dem lieize der Musik. Wollüstiges, 
schmachtendes, hinsterbendes Girren, vorgetragen mit dem 
Silberton eines Entmannten — mehr braucht es nicht, um 
ohnmäclitige Nerven zu einem schnell vorüberfliegenden 
Entzücken zu kitzeln." *) 

Von den Männern, die für das Musikleben Herlins in 
den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts von Be- 
deutung waren, sind Fasch, Zelter und Reichardt die Lehrer 
Wackenroders. ßeichardt, der feurige Anhänger der fran- 
zösischen Revolution, übte auf die musikalische Bildung der 
Romantiker den stärksten p]intluss. Er empfing Tieck und 
W^ackenroder bei seinen musikahschen Abenden, und auf 
seinem Landsitz Giebichenstein bei Halle lauschten seine 
Gäste dem Waldhorn, das in der romantischen Litteratur eine 
so grosse Rolle spielt. Für das Musikleben Berlins waren die 
„Concerts spirituels" in seinem Hause nicht ohne Bedeutung. 
Reichardt fügte den Programmen historische und ästhetische 
Erklärungen bei, die das rasche Verständnis erleichterten, 
(xlhnlich lässt Heinse in der „Hildegard" seinen Kapell- 
meister Lockmann verfahren; nur gibt dieser seine Inter- 
pretation mündlich. Vielleicht liegt in der Übereinstimmung 
in einer damals neuen Idee ein Grund zu Reichardts eifer- 
süchtiger Abneigung gegen Heinse.) 

Reichardt war es auch, der Wackenroders „Herzens- 
ergiessungen eines kunstliebenden Klosterbruders" zum 
Druck befördern half. * Neben den vielen Werken 
des rastlos geschäftigen Mannes scheinen die wenigen 
kurzen Aufsätze fast zu verschwinden, die der Jüngling 
Wackenroder über Musik hinterlassen hat. Und doch, fast 
möchte man sagen, dieser „Enthusiast", nicht „Kenner", 
habe zur Tonkunst, in der Grosses zu schaffen ihm ver- 
sagt blieb, ein innigeres Verhältnis gehabt, als der in allen 
Hauptstädten der Welt gefeierte Komponist. Trotz mancher 
Erfolge — Reichardt war bereits mit 24 Jahren Opern- 



1) S. Sehr, 8, 151. 



— 120 — 

dirigent und Kapellmeister in Berlin — hatte er doch 
nie die volle Wirkung erreicht, die er erstrebte — , 
wozu neben ungünstigen Zeitverhältnissen wohl auch 
seine eigene Rastlosigkeit und Zersplitterung beige- 
tragen haben mag. Das meiste Verdienst hat er sich 
durch seine Kompositionen Goethescher Lieder er- 
worben. Für Wackenroder dagegen ist, wie er von sich 
selbst im „Josef Berglinger" erzählt, die Musik seit den 
frühesten Jahren an die Hauptfreude gewesen, so dass 
sein Inneres allmählich ganz und gar zur Musik ward.') 
Daher ist er vor allem, wenn er über die Tonkunst redet, 
in seinem eigentlichen Element. Die Musik ist ihm die 
Kunst der Künste, die es am wunderbarsten versteht, die 
Empfindungen des menschlichen Herzens von dem Wust 
und Geflecht des irdischen Lebens abzulösen, sie selb- 
ständig zu verdichten, diejenige, die uns den vStrom in den 
Tiefen des Gemüts sell)er vorströmt, die uns das Gefühl 
fühlen lehrt,-) Niemals vielleicht, sagt Haym,*^) ist in 
einer kindüch stannnelnden, mit dem Ausdruck ringenden 
Sprache schöner, wahrer und inniger von der Seligkeit 
des musikalischen Genusses, vom Wesen und Wirken der 
Tonkunst gesprochen — niemals vielleicht jene alte choral- 
mässige Kirchenmusik mit treffenderem Gefühl charak- 
terisiert worden: „die wie ein ewiges Miserere mei Domine 
klingt und deren langsame, tiefe Töne gleich sünden- 
beladenen Pilgrimen in tiefen Thälern dahinschleichen."-*) 
Wie ein Bild des Lebens ist für' Wackenroder die Musik: 
Gine rührend kurze Freude, die aus dem Nichts entsteht 
und in Nichts zergeht — die anhebt und singt, man weiss 
nicht warum — eine kleine fröhliche, grüne Insel mit 
Sonnenschein, mit Sang und Klang, die auf dem dunklen, 
unergründlichen Ozean schwimmt.''') Wackenroders scheue, 

1) Herzensergiessungen, 1797, S. 284. 
^) Spemann, D. Nat.-Litt, 145, S. 71. 
3) Haym, Romant. Schule, 1870, S. 123. 
^) Spemann, D. Nat.-Litt, 145, S. 04. 
^) Spemann, Ebend. S. 155. 



— 121 — 

zarte Natur, die sich im Zwiespalt zwischen dem durch 
väterlichen Willen aufgedrungenen Beruf und der Liebe 
zur Kunst aufrieb, flüchtet vor dem Kampfe der Welt 
in das Land der Musik, als in das Land des Glaubens. 
Er preist den selig, der „müde des Gewerbes, Ge- 
danken feiner und feiner zu spalten, welches die Seele 
verkleinert", sich den sanften und mächtigen Zügen der 
Sehnsucht hingibt, die den Geist ausdehnen und zu einem 
schönen Glauben erheben. Nur das sei der Weg zur all- 
gemeinen Liebe, nur so gelangen wir in die Nähe gött- 
licher Seligkeit. Die Musik möchte er für die Sprache 
der Engel halten; sie sei es auch allein, die uns die echte 
Heiterkeit der Seele einflösse, das schönste Kleinod über- 
haupt, das der Mensch erlangen könne, „jene Heiterkeit, 
da alles in der Welt uns natürlich, wahr und gut erscheint, 
da wir im wildesten Gewühl der Menschen einen schönen 
Zusammenhang ihideii, da wir mit reinem Herzen alle 
Wesen uns verwandt und nahe fühlen".') Wie in der 
bildenden Kunst, so stellt er auch in der Musik alle Arten 
und Gattungen gleich hoch, aber er kann doch nicht 
leugnen, — wenn ihm auch die Tanzmusik als die eigent- 
lichste, älteste und ursprünglichste Musik gilt — dass die 
Kirchenmusik seinem eigenen Wesen am nächsten steht. 
Und in der Tat, die tief eindringende Charakteristik der 
drei verschiedenen Arten von Kirchenmusik: der kindlich- 
heiter Gott lobenden, der majestätisch erhabenen, Gottes 
Herrlichkeit gleichsam mit Tönen malenden und der 
demütig büssenden, gleichsam vor ihm knieenden, konnte 
nur aus einer Seele stammen, die immer „innerlich ihre 
melodischenPhantasien fortsang". 2.) Diese Musikbegeisterung 
Wackenroders hat dann die ganze spätere Romantik be- 
einilust. Carl Rosenkranz behauptet sogar eine starke 
Einwirkung auf das Studium der Kirchenmusik, wofür 
Beweise zu finden mir leider trotz eifrigen Suchens bisher 



^) Spemann, Ebend. S. 58. 

') Herzensergiessungen, 1797, S. 243. 



— 122 — 

nicht gelungen ist. Sicher aber ist die Liebe zur Musik, 
der Sinn für das Musikalische im allgemeinen — auch in 
der Dichtung — bei den ßomantikern stärker geweckt 
worden, wie im zweiten Teil gezeigt werden soll. So hat 
sich Wackenroders Herzenssehnsucht erfüllt, dass der eine 
oder der andere Mensch, wenn auch lange nach seinem 
Tode, aus seinen Melodien und Dichtungen gerade das 
herausfühle, was er selbst empfunden und was er so gerne 
hineinlegen wollte.^) 



1) Herzensergiessungen, 171)7, S. 260 t. 



^sie' 



Inhaltsangabe. 



Vorwort. Seite 

Einleitung 1 — 8 

Gefühlsströmung 9 — 26 

Classicisten und Systematiker 27—4:6 

Historische Kunstbetrachtung . . . . : 47 — 72 

Kunst und Religion 73— 91 

Interesse für deutsches Mittelalter 92—112 

Interesse für Musik 113—122 



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Druck von Carl Salcwski, Berlin X 




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